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Full text of "Handwörterbuch der Psychoanalyse 5.Lieferung freie Assoziation - Größenwahn"

HÄNDWÖRTERBUCH 

DER 

rr 3 j \^/ ti vJ r\ JL\l x\ L/ ijß 



von 



Dr. Richard Sterba 



5. Lieferung 
freie Assoziation — Größenwahn 



19 3 7 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



freie Assoziation— Fteßttieb 129 



allgemeine Geltung dieser Verknüpfung kaum ausgesprochen worden. Die 
Aufdeckung derinfantilenSexuaHtfit durch Freud läßt allerdings 
die Zuordnung von Fortpflanzung und Sexualität viel lockerer erscheinen. 
Auch die Perversionen, die allgemein als persistierende Anteile der infantilen 
Sexualität betrachtet werden müssen, sind vielfach vom Fortpflanzundsziel 
weit entfernt, obwohl ihr sexueller Charakter unzweifelhaft ist Beim Studium 
der extragenitalen Sexualäußerungen ergibt wohl die vergleichende Entwick- 
lungsgeschichte Zusammenhänge mit den Fortpflanzungszonen und -funktionen 
der phylogenetischen Ähnenreihe, so Zusammenhänge der oralen Sexualität 
mit der Geschlechtstätigkeit der Gasträen, der analen Sexualität mit der 
Kloakenorganisation der Reptilien u. a. m. Aber von direkten Fortpflan- 
zungszielen ist die infantile Sexualität weit entfernt; ihr Streben gilt dem. 
Lusterwerb. Allerdings fallen andererseits wieder im Sexualakt der Erwach- 
senen maximales Lusterlebnis (s. Endlust) und Fortpflanzungstätigkeit zu- 
sammen. »5 

Die Psychoanalyse erweist aber auch, daß die Forfpflanzungstätigkeit über 
den Sexualakt hinaus unzweifelhaft sexuellen Charakter trägt und von 
Sexualtriebbefriedigungen erfüllt ist; so sind Gravidität, Geburt und Brutpflege 
Erlebnisse und Tätigkeiten, die wesentlich zur Sexualität des Weibes gehören 

Fortpflanzung und Sexualität sind also in mannigfachem Sinne einander 
zuzuordnen; die Sexualität jedoch ist nicht die Folge eines Fortpflanzungs- 
triebes, wie man bis Freud m-einte, vielmehr ist die Fortpflanzung selbst 
ein Ausdruck der lebensaufbauenden und -erhaltenden Tendenzen des Ur- 
tnebes Libido (s. d.). 

freie Assoziation 
freier Einfall 

s. Assoziation, Einfall. 

Freßtrieb (Impulse to devour; pulsion de voracite, ou voracit6 pulsionnelle) 
Einen eigentlichen Freßtrieb unterscheidet die Psychoanalyse nicht. Sie 
kennt einen Ernährungstrieb (s. d.), den sie als Hauptrepräsentanten der 
Ich-Triebe (s. d.) bettachtet und dessen Ausdruck der Hunger ist. Der Lust 
des Fressens aber, wie sie den kannibaUstischen Akt der Primitiven aus- 
zeichnet und wie sie im Märchen (Rotkäppchen), in Sagen (Chronos) und 
in der Folklore (Kindli-Fresser) ihren Ausdruck findet, liegen orale Trieb- 
vorgange zugrunde, die wesentlich libidinöser Natur sind. Die haupt- 
sachlichste sexuelle Betätigung auf der kannibalistischen (s. d.) Organi- 
sationsstufe der Libido ist das orale Aufnehmen in Form des lustvollen In- 
den-Mund-Steckens, Zerkauens und Verschlingens. Triebhaft gieriges Fressen, 
wie es über die kannibalistische Phase der Libidoentwicklung hinaus selbst 
an erwachsenen Personen beobachtet wird, ist immer durch solche oral- 
libidinöse Vorgänge bedingt. Im „Freßtrieb" sind somit libidinös-aggressive 
Lustbetätigungen der Mundzone mit Äußerungen des Ernährungstriebes 
verbunden. 

Dr. Sterba: Handwörterbuch. „ 



130 



Frigidität — Frühreife, sexuelle 



Frigidität (frigidity; frigiditd) 

Als Frigidität bezeichnet man die bei Frauen sehr häufige Unfähigkeit, zu 
einem vaginalen Orgasmus zu gelangen. Es kann die Frigidität mit vaginaler 
Anästhesie (s. d.) verbunden sein, oder aber die Vagina ist wohl erregbar 
und zu Lustempfindung fähig und nur der Orgasmus kann durch die Reizung 
der Vaginalschleimhaut nicht erreicht werden. Sehr oft besteht dabei inten- 
sive Klitoriserregbarkeit und die Möglichkeit, durch Reizung der Klitoris) 
zum Orgasmus zu gelangen. Die Frigidität ist eine Hemmungsneurose. Die 
tieferen Ursachen der Hemmung der vaginalen Sexualität sind mannig- 
faltig und ergeben sich aus der komplizierten weiblichen Sexualentwicklung, 
die nicht nur durch den notwendigen Objektwechsel, sondern auch durch den 
Wechsel der Leitzone von der Klitoris zur Vagina zu Störungen Anlaß gibt 
(s. a. Weiblichkeit). In eister Linie ist der Männlichkeitskomplex 
(s. d.) als Ursache der Frigidität zu nennen. Im weiteren kommt starke 
masochisäsche Fixierung und daraus resultierende Angst vor der Brutalität 
des Aktes als Ursache der Frigidität in Betracht. Eine konstitutionell bedingte 
Verstärkung der Klitorissexualität begünstigt die Frigidität der Frau. Die 
Frigidität ist im allgemeinen durch Psychoanalyse heilbar. 

FrÜhanalyse (early analysis; nepiopsychanalyse, ou psychanalyse des tout 
petits) 

Als Frühanalyse bezeichnet man die Ausführung einer Analyse an sehr 
kleinen Kindern, also im Älter von zwei bis vier Jahren. Bei älteren Kindern 
spricht man von Kinderanalyse. Die Frühanalyse hat auf die mangelnde 
Ichentwicklung, das mangelnde Sprachverständnis und sprachliche Mitteilungs- 
vermögen des Kindes in so frühem Alfer, auf das tiefere Symbolverstehen, 
auf die innige Beziehung zur Umgebung, den Mangel eines konsolidierten 
Über-Ichs, die besonderen Formen der Triebabwehr in so frühem Älter 
Rücksicht zu nehmen und ihre Technik dementsprechend zu modifizieren. 

Frühreife, Sexuelle (sexual precocity; precocite sexuelle) 
Das Kind wird als Sexualwesen geboren, kindliche Sexualäußerungen gibt 
es von der ersten Lebenszeit an. Wenn man bei einem Kind von sexueller 
Frühreife spricht, dann wird damit ein besonders frühes Auftreten genita- 
ler Sexualität und ihrer Äußerungen gemeint, also etwa sehr frühzeitiges 
Interesse an den sexuellen Vorgängen der Erwachsenen, frühzeitig ein- 
setzende genitale Masturbation u. dgl. m. Solche Frühreife kann konstitu- 
tionell bedingt sein; aber auch durch frühzeitig vorfallende Verführungen 
kann die genitale Sexualität vorzeitig geweckt und betätigt werden. Die 
sexuelle (genitale) Frühreife ist für die weitere psychische Entwicklung 
deshalb von Bedeutung, weil das Ich des Kindes in früher Zeit dem starken 
Ansturm genitaler Erregungen vielfach nicht gewachsen ist und sich ihrer 
durch solche Äbwehrmaßnahmen erwehren muß, die leicht die Möglichkeit 
für spätere Neurosenbildung in sich schließen, so vor allem durch Ver- 



ftusttan — funktionales Phänomen 131 

drängung (s. d.). Die sexuelle Frühreife gilt daher als ein disponierendes 
Moment für die Neurosenbildung. 

Durch Geschwülste der Zirbeldrüse und der Nebennieren kann bei 
Kindern sexuelle Frühreife in dem Sinne auftreten, daß Knaben mit 3 bis 
6 Jahren Samen produzieren und Mädchen im gleichen Älter menstruieren. 
Auch die psychosexuellen Begehrungen können dabei ganz wie bei erwachsenen 
Personen sein. Diese seltenen Erscheinungen wirklicher sexueller Frühreife 
sind durch hormonale Störungen infolge der Geschwülste an den genannten 
Drüsen innerer Sekretion bedingt. 

ffUSfran (unconsummated; frustre) 

heißt erfolglos oder vergeblich. Als frustrane Erregungen bezeichnet man 
solche sexuelle Erregungen, auf die kein erlösender Spannungsabfall durch 
Orgasmus erfolgt. Frustrane Erregungen sind die häufigste Ursache der 
Ängstneurose (s. d.). 

Funktion, Prinzip der mehrfachen (principie of multiple function; 

principe de la fonction multiple) 

Das von Robert Wälder formulierte Prinzip der mehrfachen Funktion 
sagt aus, daß im seelischen Leben prinzipiell kein Lösungsversuch einer Auf- 
gabe möglich wird, der nicht so geartet ist, daß er zugleich in irgend einer 
Weise, mehr oder minder zureichend und geglückt, auch noch einen Lösungs- 
versuch für andere Aufgaben bildet. Daraus ergibt sich zunächst, daß jeder 
psychische Akt als ein kompromißhafter Lösungsversuch verschiedenen Auf- 
gaben gegenüber betrachtet werden muß. Wälder zählt acht solcher 
Aufgaben, resp. Äufgabengruppen, die das Ich zu erfüllen bestrebt ist. Es 
hat Lösungen jenen Aufgaben gegenüber zu versuchen, die die Realität, das 
Es, das Über-Ich und der Wiederholungszwang ihm stellen. Es stellt sich 
aber von selbst vier weitere Aufgaben gegenüber den genannten Aufgabe- 
stellern, indem es bestrebt ist, sie dadurch zu überwinden, daß es sie in die 
eigene Organisation in lebendiger Assimilation einfügt. Es ergibt sich daraus, 
daß jeder psychische Akt eine mehrfache Bedeutung hat, entsprechend dem 
mehrfachen Lösungsversuch, den er darstellt. (S. a. Überdeterminierung.) 
(Robert Wälder, Das Prinzip der mehrfachen Funktion, Z. XVI. 285.) 

funktionales Phänomen (functional phenomenon; phenomene f onctionnel) 
Das funktionale Phänomen gehört zu den autosymbolischen (s. d.) Phäno- 
menen, die Herbert Silberer zuerst beschrieben hat. Es besteht darin, 
daß im Übergang vom Wachen zum Schlafen der subjektive Zustand oder 
die Leistung des Bewußtseins oder körperliche Zustände in einem auf- 
tauchenden Bild dargestellt werden. Beispiele nach Herbert Silber er: Ich 
denke über irgendetwas nach, gerate jedoch, indem ich mich in gedankliche 
Nebenwege einlasse, von meinem eigentlichen Thema ab. Als ich nun zurück 
will, stellt sich die autosymbolische Erscheinung ein: Ich klettere mitten in 

9* 



132 



funktionell — Gebärde, magische 



Bergen herum. Die näheren Berge verdecken vor meinem Blick die ferneren, 
von denen ich hergekommen bin und zu denen ich zurückgelangen möchte. 
Das funktionale Phänomen ist der Ausdruck der Tätigkeit einer selbst- 
beobachtenden Instanz, derselben, die sich auch als Gewissen äußert. (Herbert 
Silberer, Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations- 
Erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Jb. I. 513.) 

funktionell (funcfional; fonctionnel) 

Als funktionelle Symptome bezeichnet man solche Störungen der normalen 
Leistung der Organe, die nicht durch einen anatomischen Befund gerecht- 
fertigt, sondern durch psychische Einflüsse verursacht sind. Im allgemeinen 
ist in der analytischen Literatur der Ausdruck funktionell durch psychogen 
ersetzt. 

Furcht (fear; crainte, peur) 

Freud versucht, Furcht und Angst zu trennen. Furcht bezeichnet nach 
seiner Meinung die Reaktion auf eine reale äußere Gefahr, während Angst 
die Reaktion auf eine innere Gefahr von den Trieben her ausdrückt. Furcht 
ist demnach immer die Reaktion auf eine reale Gefahr. Danach sind 
F u r ch t und Realangst identisch (s. a. Angst.). 

Fuß (foot; pied) 

Der Fuß ist ein häufiges Symbol für den Penis. Wird der Fuß bei gewissen 
Formen des Fetischismus zum ausschließlichen Sexualobjekt erhoben, dann 
bedeutet er regelmäßig den vermißten Penis des Weibes. 



Gebärde, magische (gestures, maglc[al]; geste magique) 
Die magische Gebärde ist eine Geste, die in der abergläubischen Absicht vor- 
genommen wird, das Äußenweltgeschehen im Sinne einer Wunscherfüllung zu 
beeinflussen. Die magische Gebärde stammt aus einer frühen Periode der 
Ichentwicklung, in der das Verlangen nach dem Gewünschten durch Vorweg- 
nahme der Innervationen in der Erfüllungssituation (z. B. Saugbewegungen 
bei Stillverlangen, Ausstrecken der Hand nach Gegenständen) angezeigt und 
von der Umgebung daraufhin befriedigt wurde. Manche neurotische Sympto- 
me oder perverse Akte werden als solche magische Gebärden verständlich, sie 
sind daher als Regressionen auf diese frühe Stufe der „Allmacht mit Hilfe 
magischer Gebärden" aufzufassen. (S. F e r e n c z i, Entwicklungsstufen des 
Wirklichkeitssinnes, Bausteine I, 62.) So will z. B. der Exhibitionist durch die 



Geburt 133 

Entblößung seines Gliedes vor Frauen in magischer Gebärde anzeigen, was 
er auch bei ihnen voraussetzt und zu sehen erwartet. Magische Gebärden, spie- 
len ferner im Aberglauben eine große Rolle, wie das Abwehren des bösen 
Blicks durch Ausstrecken zweier Finger, die Verhütung von Unheil durch 
Klopfen auf Holz u. v. a. Zum Teil beruhen solche apotropäische (abweh- 
rende) magische Gebärden auf einer Identifizierung mit dem angreifenden 
Objekt, durch die der Gefahr des Angriffs begegnet werden soll; vielfach 
werden so Bewegungen des Objekts in den magischen Gebärden vorweg- 
genommen. 

Viele Handlungen und Stereotypien der Psychotiker sind als magische 
Gebärden zu verstehen. 

Gebllft (birth; naissance) 

Über die psychologischen Einwirkungen der Geburt auf das Kind ist direkt 
wohl nichts erfahrbar; man darf aber aus zahlreichen Anzeichen schließen, 
daß die Geburt vom Kind als eine ungeheure Störung des psychophysischen 
Gleichgewichts empfunden wird. Die Einwirkung enormer mechanischer Ge- 
walt durch die Geburtspresse, die mechanischen Beanspruchungen, eventuelle 
Läsionen während der Äustreibungsperiode, das zeitweilige Stocken der inne- 
ren Atmung durch die Kompression der Blutgefäße des Mutterkuchens 
während der Wehen, schließlich die Reizströme, denen das Neugeborene 
ausgesetzt ist, das Licht, die Außenwelttemperatur und andere ungewohnte 
Hautreize, dies alles, hereinbrechend über eine Organisation, die bisher Rei- 
zen nicht ausgesetzt war, muß wenigstens als dumpfes Gefühl einer uner- 
hörten Störung erlebt werden. Diese Störung darf als Wiederholung der Ka- 
tastrophen aufgefaßt werden, die in Urzeiten wohl in Form von Austrock- 
nungsperioden das organische Leben aus der Wasserexistenz aufs Trockene 
zwangen und denen durch Anpassung an das neue Medium begegnet werden 
mußte. 

Die sorgende Umgebung des Neugeborenen ist instinktiv bemüht, dem 
Neugeborenen nach erster notwendiger Reinigung die Intrauterinsituation we- 
nigstens ersatzweise wieder herzustellen; sie packt das Kind warm ein, half 
es reizlos und läßt es schlafen. Es bleibt auch im Menschen zeitlebens ein 
starkes Streben, die Geburt rückgängig zu machen und den intrauterinen 
Zustand wieder herzustellen. Der Schlaf (s.d.), der uns für ein Drittel un- 
seres Lebens wieder in die Fötalsituation zurückbringt, die Mutterleib s- 
phantasien der ganzen Menschheit, zahlreiche Symptome und Phantasien 
der Neurotiker bezeugen uns dieses Streben, das Ferenczi als „thalas- 
salen Regressionszug" bezeichnet (S. Ferenczi, Versuch einer Genital- 
theorie, 1924). Auch der Tod wird vielfach als Rückkehr in den Mutterleib 
vorgestellt, wie die leibliche Rückkehr in den Schoß der Mutter Erde, 
besonders im Hockergrab, in das die Leiche in Embryonalstellung gebracht 
wird, erweist. 

Symbolisch wird die Geburt im Traum, im Mythos und im Märchen! 
im Zusammenhang mit Wasser dargestellt (aus dem Wasser ziehen, ins 



134 



Geburt 



Wasser werfen und ähnliche Darstellungen für Gebären). Dabei spielt wohl, 
wie auch im Ammenmärchen vom Kinderteich, eine dunkle Ähnung von 
der Wasserexistenz im Mutterleib eine Rolle. Auch das Passieren enger 
Öffnungen steht symbolisch für Geborenwerden. 

Das wichtigste psychologische Residuum der Geburt ist nach einer Theorie 
Freuds der Angstaffekt (s. Angst). Dieser stellt in wesentlichen Zügen 
eine Wiederholung des Geburtstraumas dar. Schon der Name „Angst" hängt 
über das lateinische angustiae = Enge im Gefühl des Beengtseins, der Be- 
klemmung, des Drückend-Lähmenden mit der Situation der Frucht während 
der Geburt zusammen. Die Atemnot, die Herzbeschleunigung, die erhöhte 
Darmfunktion im Ängstaffekt sind dem Geburtszustand nachgebildet. Die 
Wiederholung des geburtstraumatischen Eindrucks geschieht dabei im Ängst- 
affekt entweder daraus, daß große Reizeinbrüche ebenso eine ökonomische 
Störung verursachen, wie sie durch die Geburt verursacht wurde (Aktual- 
angst), oder aber die geburtst|raumatischen Eindrücke werden im Ängst- 
affekt als Warnung vor der Gefahr solcher Störung wiederholt (Signalangst). 
Dabei ist die Beziehung: Geburt und Angst bereits artmäßig festgelegt, so 
daß sie auch dort sich findet, wo das Geburtserlebnis selbst durch Kaiser- 
schnitt an der Mutter dem Kind teilweise erspart geblieben ist. 

Die innige Beziehung zwischen dem vor allem in der neurotischen Sym- 
ptomatik wichtigen Angstaffekt und dem Trauma der Geburt veranlaßte 
Otto Rank, die Theorie aufzustellen, daß das neurotische Symptom im 
wesentlichen eine Reproduktion des Geburtstrauma sei; es stellt nach seiner 
Ansicht einen Versuch dar, das Geburtstrauma nachträglich zu überwinden. 
Vor allem könne neurotische Angst als nachträgliches Abreagieren des Ge- 
burtstraumas aufgefaßt werden. Otto Rank modifizierte seine analytische 
Technik nach seiner Theorie vom „Trauma der Geburt", indem er auch die 
analytische" Kur als Wiedergeburt und endgültige Überwindung des Geburfs- 
traumas auffaßte. (Otto Rank, Das Trauma der Geburt. Int. Psychoanaly- 
tische Bibliothek, Bd. XIV, 1924.) Freud wies in „Hemmung, Symptom 
und Angst" die Rank'sche Theorie als mangelhaft begründet zurück; sie 
trägt nichts Sicheres zur Lösung des Neurosenproblems bei. 

Auch für die Gebärende ist die Geburt von wahrhaft großartiger Be- 
deutung. Abgesehen von den psychischen Reaktionen auf den Erhalt des 
Kindes kann der Gebärakt selbst wohl auch mit erogen-masochistischen Lust- 
erlebnissen einhergehen, ja Helene Deutsch meint sogar, er sei der. Gipfel- 
punkt masochistischer Befriedigung, eine Orgie masochistischer Triebtenden- 
zen, eine Fortsetzung und Vollendung des im Koitus für die Frau nur in- 
augurierten, erst im Gebärakt vollendeten Sexualaktes. (Helene D e u t s ch, 
Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, 1925.) 

Der Vorgang der Geburt ist für die kindliche Sexualforschung 
von brennendstem Interesse. Die Frage nach der Herkunft des Kindes steht 
im Zentrum des Fragenkomplexes, der die Kinder vom dritten bis zum fünf- 
ten Lebensjahr intensiv beschäftigt. So weit die Kinder nicht Aufklärung er- 
halten, bilden sie sich Theorien über die Art der Geburt. Entsprechend 



Geburtstrauma — Gedächtnislücke 135 

der starken analen Sexualkomponente in dieser Perlode, sowie infolge der 
mangelnden anatomischen Kenntnisse des weiblichen Genitales, vor allem 
wegen der Unkenntnis des Geburtskanals (Vagina) kann das Kind sich die 
Geburt aus dem Bauch der Frau nicht anders vorstellen als die Entleerung 
seiner eigenen Exkremente, also durch den Darm und After. Die Psychc*- 
analyse spricht von einer Kloakentheorie der Geburt und jedes Kind 
entwickelt während einer gewissen Zeifperiode diese Theorie. Später wird 
diese Theorie durch andere ersetzt, so etwa durch die Vorstellung, daß das 
Kind aus dem sich öffnenden Nabel der Mutter austritt, oder aus der 
Region zwischen den Brüsten; auch daß der Bauch der Mutter aufgeschnitten 
wird, damit das Kind durch die Wunde den Mutterleib verlasse, wie das 
Rotkäppchen oder die Geislein den Bauch des Wolfs, wird nicht selten, 
vorgestellt. Der wahre Sachverhalt wird verhältnismäßig spät, meist erst 
in der Pubertät in Erfahrung gebracht. 

GeburfsfraUltia (birth-trauma; traumatisme de la naissance) 
s. Geburt. 

Gedächtnis (memory; memoire) 

Unter Gedächtnis versteht man die Fähigkeit, frühere Erlebnisse zu reprodu- 
zieren. Die wichtigste Art solcher Reproduktion ist das Erinnern; wir 
stellen uns vor, daß es durch aktuelle Besetzung der Dauerspuren der Er- 
lebnisse zustande kommt, wobei diese Besetzung vom Bewußtsein wahr- 
genommen wird (s. Erinnerung). Die Psychologie bis Freud betrachtete 
fast durchwegs die Reproduktion durch das Erinnern als die einzig mögliche. 
Die Psychoanalyse jedoch konnte nachweisen, daß es auch andere Arten der 
Reproduktion von Erlebnissen gibt, so vor allem durch das Wiederholen; 
Erlebnisse, die durch Verdrängungsaufwände abgehalten, für die Erinnerung 
nicht zugänglich sind, können ihre Aufbewahrung im Psychischen und ihre 
Möglichkeit, aktuell besetzt zu werden, dadurch erweisen, daß sie im Erleben, 
sei es in den affektiven Reaktionen, sei es durch die aktive Wiederherstellung 
früherer Konstellationen oder früherer Gefühlsbeziehungen u. ähnl. wieder- 
holt werden. Das ursprüngliche Erleben ist bei solcher Art der Reproduktion 
zumindest in wichtigen affektiven Anteilen der bewußten Erinnerung nicht 
mehr zugänglich. Der Bereich des Gedächtnisses erweitert sich durch die Er- 
kenntnis der Reproduktion von Erlebnissen durch Wiederholen und Agieren 
(s. d.) um ein sehr Bedeutendes. Die Psychoanalyse spricht bei solcher Art 
Reproduktion ohne bewußtes Erinnern von unbewußtem Gedächtnis. 
Werden die durch Widerstände von der bewußten Erinnerung abgehaltenen 
Erlebnisengramme, die sich durch Wiederholen äußern, vermittels des psycho- 
analytischen Verfahrens dem bewußten Erinnern zugeführt, so verlieren sie 
die Fähigkeit zu anderer Art der Reproduktion. Darauf beruht zum Teil die 
Wirkung der psychoanalytischen Therapie. 

Gedächtnislücke (gaps in memory; lacune de la memoire) 
s. Amnesie. 



136 



Gedächtnisspur — Geftessenwetden 



Gedächfnisspur (memory frace; trace mnemique ou memorielle) 
s. Erinnerungsspur. 

Gefälli^keifsfräume (dreams of compliance [with the supposed wish of fhe 
analyst]; reves de complaisance) 

sind während der psychoanalytischen Kur vorfallende Träume, in denen der 
Patient dem Analytiker zuliebe solches Material bringt, das nach seiner 
Meinung der Analytiker von ihm erwartet. Die Gefälligkeitsträume sind 
einerseits ein Zeichen der positiven Einstellung zum Analytiker, andererseits 
aber auch häufig ein Zeichen des Widerstandes gegen die spontane Auf- 
bringung neuen Materials aus dem Unbewußten. Wenn der Analytiker Ge- 
fälligkeitsträume als solche erkennt, steht er zunächst von der Deutung dieser 
Träume ab und untersucht die Motive des Patienten, sich dem Analytiker so 
gefällig zu zeigen. Nach Aufdeckung der Widerstände und Beseitigung der- 
selben gelingt nicht selten auch die Auffindung des latenten Inhalts von Ge- 
fälligkeitsträumen; dieser latente Inhalt ist oft dem manifesten entgegengesetzt. 

Gefressenwerden (being devoured; etre devore) 

Auf der oralen Entwicklungsstufe der Libido tritt mit dem Durchbruch der 
Zähne das libidinöse Triebziel, das Liebesobjekt durch Auffressen oral sich 
einzuverleiben, durchaus in den Vordergrund (s. kannibalistjische Organisa- 
fionsstufe der Libido). Entsprechend der Anlage der prägenitalen Triebe in 
Gegensatzpaaren findet sich auch der passive Gegensatz dazu, das Gefressen- 
werden als ebenfalls libidinös betonte Vorstellung. Vor allem tritt die Vor- 
stellung vom Gefressenwerden als Strafbefürchtung und durch Wendung gegen 
die eigene Person dann auf, wenn hefäge aggressiv-orale Wünsche, meist 
gegen die Mutter gerichtet, von der Außenwelt oder vom Ich her gehemmt 
oder verboten werden. 

Die Vorstellung vom Gefressenwerden überdauert aber als lusf- oder angst- 
volle Phantasie die orale Phase der Libido meist recht beträchtlich. In den 
Zärtlichkeiten Kindern gegenüber ist das Auffressen, das der Erwachsene mit 
dem Kind scherzhaft spielt, für die Kinder auch weiterhin stark lustbefont. 
Sehr häufig aber tritt das Gefressenwerden als Angstvorstellung auf; das 
Objekt dieser Angst sind meist wilde Tiere oder Riesen. In den Neurosen 
der Kinder spielt diese Ängstvorstellung eine bedeutende Rolle. Es zeigt sich 
bei der Analyse dieser kindlichen Angst, daß dabei die Vorstellung vom 
Gefressenwerden ein regressiv erniedrigter Ausdruck einer passiv-libidinösen 
Strebung ist, die der genitalen Libidophase zugehört, indem das Ge- 
fressenwerden vielfach für Koitiertwerden steht. Das Tier oder der Riese, 
von dem die Gefahr des Gefressenwerdens droht, ist meist leicht als eine 
Ersatzfigur des Vaters erkennbar. In der Angst vor dem Gefressenwerden 
wird dann ein passiver Sexualwunsch genitaler Natur abgewehrt. Die Angst, 
von der Mutter gefressen zu werden, gründet sich auf die kindliche Vor- 
stellung, daß bei der Schwangerschaft das Kind wie sonst der Bauchinhalt 




Gefühl 137 

durch Auffressen in den Mutterleib gelangt sei. Die Mutter wird so zur 
Menschenfresserin. 

Das Gefressenwerden kann aber auch der regressive Ausdruck für Kastriert- 
werden sein. Es liegt dabei, wenn das auffressende Objekt ein weibliches ist, 
nach Otto Fenichel häufig die Vorstellung von einer „intrauterinen Ka- 
stration" zugrunde, d. h. die Vorstellung, von einer bösen Mutterfigur (Hexe) 
gefressen zu werden, um dann im Leibe der Mutter kastriert zu werden, 
worauf man als Mädchen wieder geboren wird. (Otto Fenichel, Zwei 
kleine Nachträge, 2. Zur Angst vor dem Gefressenwerden, Z. XIV. 404.) 

Das Gefressenwerden ist auch im Mythos wie im Märchen ein häufig auf- 
tauchendes Motiv (Kronos, Rotkäppchen). 

Gefühl (feeling; sentiment) 

Die metapsychologische Betrachtung des Gefühlslebens, wie sie die Psycho- 
analyse betreibt, geht darauf aus, die dynamische Triebgrundlage, die ökono- 
mische Bedeutung und die seelische Erlebnissfätte der Gefühle zu ermitteln. 
Die Gefühle stehen in innigstem Zusammenhange mit den Triebwün- 
schen. Im wesentlichen sind die Gefühle Ausdruck der Triebwünsche 
oder Ausdruck der Erfüllung oder der Versagung derselben; sie dürfen viel- 
fach als die Indikatoren der verschiedenen Triebspannungen betrachtet wer- 
den. Für eine genaue Erforschung der gefühlsmäßigen Anteile und Reaktionen 
einer Person ist daher die Kenntnis der Triebstruktur derselben unerläßlich. 
Für den Einfluß einer Gefühlsregung auf die seelischen Abläufe ist das Maß 
an Lust und Unlust, das im Gefühl verspürt wird, von wesentlicher Bedeutung, 
Freilich ist die Lust-Unlust reihe nur eine sehr grobe Skala für eine 
Einteilung der Gefühle; daneben ist noch vor allem das Maß an Spannung 
im Gefühlszustand für die psychologische Wertung und Wirkung eines Ge- 
fühls maßgebend. 

Die Gefühle selbst betrachtet die Psychoanalyse geradeso wie die Affekte 
(s. d.), von denen sie vielfach nur quantitativ unterschieden sind, vor allem 
als Abfuhr Vorgänge; für diese Abfuhr, die eine Energieentlastung 
des psychischen Apparates bedeutet, sind die körperlichen Begleiterscheinungen 
der Gefühle, die vor allem im Bereiche des vaso-vegetativen Systems vor sich 
gehen, von wesentlichem Belang. Der Ort der Gefühls erlebnisse ist das Ich. 
Das Gefühlserlebnis ist an das Bewußtsein geknüpft. Vielfach allerdings spricht 
man in der psychoanalytischen Literatur von unbewußten Gefühlen, so etwa 
von unbewußtem Schmerz um ein verlorenes Objekt, von unbewußter Freude über 
die Wiederkehr eines geliebten Objektes, von unbewußtem Ärger über etwas 
u. dgl. m. Es handelt sich bei diesen nicht ganz korrekt so genannten „un- 
bewußten Gefühlen" um emotionale Reaktionen, die nicht zur Entwicklung 
kommen, weil sie durch Verdrängung davon abgehalten werden, im Bewußt- 
sein verspürt und erlebt zu werden. Man schließt auf sie aus der Kenntnis 
des Anlasses zu solchen Gefühlsreaktionen und aus Anzeichen, die zeigen, 
daß eine solche Reaktion wohl angesetzt, aber nicht entwickelt wurde. Häufig 
tritt an ihrer Stelle ein anderer „Ersatzaffekt" auf, etwa eine Depression 



138 



Gefühlsambivalenz — Gegenbesetzung 



oder Angst statt eines Zorngefühls, oder eine Symptomhandlung, die als 
motorischer Ersatz für die unterbliebene Gefühlsregung gedeutet werden 
muß. Durch Behebung der Verdrängungswiderstände werden solche „unbe- 
wußte Gefühle" als bewußte Gefühlserlebnisse manifest und sollten eigentlich 
erst dann die Bezeichnung „Gefühle" erhalten, da das bewußte Erlebnis im 
Ich wesentlich zum Gefühl gehört. 

Franz Alexander spricht von einer Logik der Gefühle; die aus 
angesammelten Erfahrungen über die Gefühlsreaktionen unseres eigenen 
Innenlebens hervorgehenden, unmittelbar einleuchtenden Schlußfolgerungen 
über emotionale Zusammenhänge bezeichnet er als Gefühlssyllogis- 
men. Diese Gefühlslogik ist älter, tiefer als die rationale Logik, vor allem 
aber herrscht sie im Unbewußten. Auf Basis der Gefühlslogik ist es uns 
möglich, unbewußte emotionale Glieder zu rekonstruieren; darauf beruht zum 
großen Teil das Verstehen des Fremdseelischen vor allem in der Psycho- 
analyse. (Franz Alexander, Die Logik der Gefühle und ihre dynamische 
Grundlage, Z. XXI, 471.) 

GefÜhlsambivalenZ (ambivalence of feeling; ambivalence affective) 
s. Ambivalenz. 



Gegenbesefzung (anticathexis, counter-charge [of energy]; contre-investis- 
sement) 

Das Verdrängte sucht vermöge der Triebenergie, mit der es besetzt ist, in 
das Ich einzubrechen, um über das Ich, das die Äbfuhrwege beherrscht, zur 
Abfuhr zu gelangen. Jene Energiequantitäten, welche das Verdrängte an 
diesem Einbrüche ins Ich hindern und vom System Vbw, resp. Bw fernhalten, 
bezeichnen wir als Gegenbesetzung. Die Gegenbesetzung bedeutet einen 
Daueraufwand an psychischer Energie, da das Verdrängte ebenso dauernd 
gegen das Ich anstürmt. Die Gegenbesetzung geht von den unbewußten An- 
teilen des Ichs aus. Auch gegen Wahrnehmungen und gegenüber dem Ich 
können Gegenbesetzungen aufgerichtet sein. 

Die Formen der Gegenbesetzungen wechseln je nach der Neurosenform. 
Bei der Hysterie zeigt sich die Gegenbesetzung in Form besonderer 
Wachsamkeit, die, meist durch Icheinschränkungen, Situationen ver- 
meidet, in denen Wahrnehmungen gemacht werden könnten, die mit dem 
verdrängten Trieb in assoziativer Verbindung stehen und die ihn erwecken, 
oder indem solche Wahrnehmungen, wenn sie auftauchen, die Besetzung 
entzogen wird. Auch gewisse Reaktionsbildungen (s. d.), die auf 
spezielle Objektbeziehungen beschränkt bleiben, sind das Ergebnis der Gegen- 
besetzung bei Hysterie, so etwa ein Übermaß an Zärtlichkeit gegen ein be- 
stimmtes, unbewußt gehaßtes Objekt, ein Übermaß an Ängstlichkeit um ein 
Objekt, das zu beseitigen unbewußt gewünscht wird, usf. 

Bei der Ängsthysterie (Phobie) führt die Gegenbesetzung zur Er- 
satzbildung (s. d.). Die Ersatzbildung hängt assoziativ mit der abge- 



Gegensatz 139 



wiesenen Triebrepräsentanz zusammen und versichert gegen das Auftauchen 
der verdrängten Vorstellung im Bewußtsein. Im weiteren Verlaufe aber be- 
kommt die ursprünglich als Gegenbesetzung wirksame Ersatzvorstellung selbst 
die Bedeutung und damit die Gefährlichkeit der ursprünglichen Triebrepräsen- 
tanz. Dann wird die gesamte assoziative Umgebung der Ersatzvorstellung 
mit besonderer Intensität gegenbesetzt, so daß eine hohe Empfindlichkeit 
gegen ihre Erregung zustandekommt. Durch diese große Erregbarkeit wird 
jede Annäherung der Ersatzvorstellung sofort signalisiert und im weiteren 
durch Flucht vermieden. So wird bei den typischen Tierphobien der Kinder 
die Angst vor einem Tier als Ersatz für ein ambivalent besetztes Objekt, 
meist für Vater oder Mutter, entwickelt und auf die bloße Annäherung des 
Tieres mit Flucht reagiert. 

Bei der Zwangsneurose ist die Gegenbesetzung deshalb am sinnfällig- 
sten, weil sie sich in Form von Dauer-Veränderungen des Ichs, nämlich in 
charakterologischen Reaktionsbildungen manifestiert. Es wird die 
Einstellung, die der zu verdrängenden Triebrichtung entgegengesetzt ist, ver- 
stärkt und als Dauerhaltung nicht nur bestimmten Objekten gegenüber, son- 
dern allgemein zum Ausdruck gebracht (z. B. Mitleid als Reaktionsbildung 
gegen Sadismus, Reinlichkeit gegen Analität). 

Bei der Behebung der Verdrängung äußert sich die Gegenbesetzung als 
Widerstand. 

Gegensatz (antithesis, the opposite; oontraire, antithese) 
Während im bewußten logischen Denken Gegensätze einander ausschließen, be- 
steht im Unbewußtem die merkwürdige Tatsache, daß darin Etwas und sein 
Gegensatz bestehen können, ohne daß eine gegenseitige Aufhebung erfolgt. 
Ja, in den Manifestationen des Unbewußten, im Traum, in Fehlleistungen, in 
neurotischen Symptomen sind häufig Gegensätze zu einer Einheit zusammen- 
gezogen und vereint dargestellt. Die große Mannigfaltigkeit ambivalenter 
Regungen (s. Ambivalenz) läßt auch in den bewußten affektiven Reaktionen 
Gegensätzliches bestehen und wirksam sein. 

Häufig wird im Traum, aber auch in anderen psychopathologischen Bil- 
dungen, ein Element durch seinen Gegensatz dargestellt; Gegensätze vertreten 
einander so häufig im Traume, daß man bei keinem Element des Traumes 
unterlassen darf, zu untersuchen, ob dieses Element sich selbst oder seinen 
Gegensatz zur Darstellung bringt. Dies hat seinen Grund vor allem im archa- 
ischen Charakter der Traumsprache. Die ursprüngliche Bildung der Begriffe 
erfolgte wohl überhaupt im Vergleich mit anderem, vor allem mit dem Gegen- 
satz; etwa so, daß die Vorstellung „groß" an „klein" gebildet wurde und 
umgekehrt. Der Gegensatz ist also in der ursprünglichen Vorstellung wesent- 
lich mitenthalten; die ältesten Sprachen haben auch zahlreiche Ausdrücke mit 
antithetischem Doppelsinn (s. Gegensinn der Urworte). Gegensätzliches ge- 
hört daher in primitiven Ausdruckssystemen notwendig zueinander, wird ge- 
meinsam ausgedrückt. Die gegenseitige Vertretung von Gegensätzen nach der 






140 Gegensatzpaar 



Trennung der Gegensätze im Äusdruckssystem ist dann als Rückgreifen auf 
eine frühere Stufe der Entwicklung wohlverständlich. 

Die Darstellung durch das Gegenteil dient außerdem der Entstellung und 
trägt wesentlich zur Unverständlichkeit etwa eines manifesten Traumbildes 
oder eines neurotischen Symptoms bei. 

Gegensatzpaar (antithetical pairs, pairs of opposites; oouple antithetique, 
paire contrastee) 

Es gehört zu den charakteristischen Merkmalen der infantilen Sexualität, 
daß eine Reihe von Partialtriebstrebuingen in Gegensatzpaaren angelegt 
sind, indem einer bestimmten Triebstrebung mit aktivem Ziel eine entspre- 
chende Triebstrebung mit passivem Ziel zugehört. So tritt unter den infan- 
tilen Sexualstrebungen neben dem erogenen kannibalistischen Trieb, zu 
fressen, das lustvolle Verlangen auf, gefressen zu werden, neben dem Schau- 
trieb das exhibitionistische Verlangen, beschaut zu werden, neben der Schlage- 
lust das masochlstische Triebverlangen, geschlagen zu werden u. a. m. Diese 
Anlage der Triebstrebungen in Gegensatzpaaren ist ein Ausdruck der all- 
gemeinen Polarität des Seelenlebens, die auch der angeborenen Bisexual i- 
tät (s. d.) zugrundeliegt. Bei den Perversionen der Erwachsenen, die als 
Entwicklungshemmungen anzusprechen sind, ist häufig der Zustand der 
gegensatzpaarigen Triebanlage noch manifest. So findet man z. B. regelmäßig 
beim Masochisten auch sadistische Züge und umgekehrt, beim Voyeur Neigung 
zum Exhibitionismus und Ähnliches. 

Von den Gegensatzpaaren tritt bisweilen nur ein Teil deutlicher in Er>- 
scheinung, der andere ist bloß angedeutet oder bleibt latent. Wenn der 
manifeste Anteil von seiner Zielerreichung im Laufe der Entwicklung abge- 
halten wird, ermöglicht die gegensatzpaarige Anlage der Triebstrebung eine 
Abfuhr durch Verstärkung der anderen Komponente, wenn deren Erreichung 
keiner Hemmung unterliegt. So kann z. B., wenn das sadistische Verlangen 
des Kindes, zu schlagen, von der Umgebung an der Befriedigung gehemmt 
wird, häufig das masochistische Ziel, geschlagen zu werden, viel leichter er- 
reicht werden. Die gegensatzpaarig angelegten Triebstrebungen vermögen 
einander so zu vertreten. Das Triebschicksal Verkehrung ins Gegen- 
teil (s. d.) wird ermöglicht durch diese Anlage der Partialtriebe in Gegen- 
satzpaaren. Bei der Verdrängung einer Triebstrebung bietet die gegen- 
satzpaarige Anlage die Möglichkeit, eine der ursprünglichen Triebstrebung 
im Ziel entgegengesetzte Triebregung reaktiv zu verstärken (s. Reaktions- 
bildung). 

In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" bezeichnet Freud das 
Auftreten der Triebe in Gegensatzpaaren als „Ambivalenz der Triebe" (Ges. 
Sehr. V. 73). Die Bezeichnung „Ambivalenz" wurde mit diesem Begriffsinhalt 
nicht beibehalten; ambivalent bezeichnet vielmehr im weiteren jene seelische 
Einstellung zu Objekten, in der ein- und demselben Objekt gegenüber zwei 
Gefühlsinhalte mit entgegengesetzten Vorzeichen vorhanden sind. (S. Ambi- 
valenz.) 



Gegensinn der Urworte — Gegenübertragung 141 

Gegensinn der Urworte (antithetical or contrary sense of primal 
words; sens oppose des mots primitifs) 

Der Sprachforscher Karl Abel wies darauf hin, daß im Ägyptischen, der 
ältesten uns bekannten Sprache, viele Worte zwei Bedeutungen haben, die im 
Gegensatz zueinander stehen. Zum Beispiel heißt das Wort „ken" sowohl 
stark wie s ch w a eh. Seine jeweilige Bedeutung mußte durch ein beige- 
setztes anderes Zeichen in der Schrift, wohl durch begleitende Mimik beim 
Sprechen, erst besonders kundgegeben werden. Reste dieses Doppelsinnes der 
Worte, der daraus erklärbar ist, daß vieles nur durch seinen Gegensatz; 
erkennbar oder deutlich ist, finden sich noch in den gegensätzlichen Be- 
deutungen von manchen unserer heute noch gebrauchten Worfstämme (stumm- 
Stimme, bös-baß = gut u. a.). Im Unbewußten, das vor allem archaisches Gut 
enthält, entspricht diesem Gegensinn der Urworte die Tatsache, daß Gegen- 
sätze besonders häufig zu einer Einheit zusammengezogen werden und ein- 
ander etwa in der Traumdarstellung oder im Symptom vertreten können 
(s. a. Gegensatz). (K. Abel, Sprachwissenschaftliche Abhandlungen 1885, 
zitiert bei S. Freud, Über den Gegensinn der Urworte, Ges. Sehr. X. 221.) 

Gegenteil ([the] opposite; contraire) 
s. Gegensatz. 

Gegenübertragung (counter-transferenoe; contre-transfert) 
Die Psychoanalyse hat früh erkannt, daß im allgemeinen im Verhältnis des 
Patienten zum Arzt affektive Einstellungen eine wichtige Rolle spielen. Sie 
macht sich diese Gefühlsregungen im besonderen zunutze, indem sie sie als 
Wiederholungen von Gefühlsregungen erkennt und behandelt, die der Patient 
in seiner Kindheit geliebten und auch gehaßten Personen zugewendet hatte, 
(s. Übertragung.) Die Psychoanalyse erkannte aber auch bald, in welch 
hohem Maße affektive Kräfte im Verhältnis des Analytikers zum Änalysanden 
fördernd oder störend wirksam sind. In einem gewissen Ausmaß ist eine 
positiv gefärbte affektive Einstellung von Seiten des Analytikers für das un- 
entwegte Interesse am Änalysanden und für die emotionelle Einfühlung in 
seine seelischen Vorgänge notwendig. Die affektive Einstellung des Analyti- 
kers zum Analysanden wird störend, wenn sie dieses notwendige Ausmaß 
überschreitet. Dies geschieht vor allem, wenn das Unbewußte des Analytikers 
den Analysanden zum Objekt von libidinösen und destruktiven Tendenzen in 
dem Sinne nimmt, daß der Analytiker Einstellungen und Triebregungen, die 
er den Objekten seiner Kindheit zugewandt hatte, auf den Analysanden über- 
trägt. Man spricht dann von Gegenübertragung. Das Unbewußte des 
Analytikers greift damit störend in den therapeutischen Prozeß ein, indem 
der Analytiker sich zu weitgehend mit dem Analysanden affektiv identifiziert 
oder Indem er auf Affekte des Änalysanden mit Gegenaffekten antwortet. 
Der Analytiker verliert damit die Möglichkeif, den Änalysanden ständig 
leidenschaftslos und zu dessen Besten mit der Realität zu konfrontieren und 
ihm die Infantile Bedingtheit seiner unrichtigen Trieb- und Abwehrreaktionen 



142 



Gegenwille, hysterischer — Gegenwunschtrautn 



aufzuzeigen. Es ist daher notwendig, daß der Analytiker seine Beziehung 
zum Analysanden ständig kontrolliert, vor allem indem er sie selbst einer 
analytischen Erklärung unterzieht und dadurch seine Affekteinstellung dem 
Änalysanden gegenüber auf das notwendige Maß reduziert und so seine 
Objektivität erhält, resp. wiedergewinnt. Voraussetzung dafür ist, daß der 
Analytiker überhaupt gelernt hat, affektive Regungen an sich selbst zu er>- 
kennen, sie, soferne sie noch unbewußt sind, sich bewußt zu machen und zu 
bemeistern; die eigene Analyse ist schon aus diesem Grunde eine unbe- 
dingte Voraussetzung für den Analytiker. 

Gegenwille, hysterischer (hy.steri.cal counter-will; contre-voMon hysterique) 
Bei an Hysterie erkrankten Personen ereignet es sich nicht seifen, daß sie 
eine sonst einfache Handlung oder Vermeidung nicht durchführen können, 
wenn sie ein Mißlingen aus irgend einem Grunde besonders vermeiden 
wollen. Da sich die Kranken gegen ihre Absicht so benehmen, als ob sie 
den Willen hätten, das Gegenteil von dem zu tun, was sie mit ihrem be- 
wußten Ich intendieren, sprach man vom hysterischen Gegenwillen 
als Ursache einer solchen Unfähigkeit zu einer Leistung oder einer solchen 
Verkehrung einer Leistung in ihr Gegenteil. Freud entwickelt in den 
„Studien über Hysterie" vom hysterischen Gegenwillen die Ansicht, daß 
dabei durch partielle Erschöpfung und Schwächung bei hysterischen Patienten 
die bewußte Willensintention beeinträchtigt werde, während die zu der 
Intention gehörige Kontrastvorstellung (s. d.) vom Gegenteil der 
intendierten Leistung von der Erschöpfung verschont bleibe und daher die 
Energie besitze, die Innervation in ihrem Sinne durchzusetzen. 

Die Lehre vom „hysterischen Gegenwillen" ist dadurch aufgegeben worden, 
daß weitere psychoanalytische Forschungen gezeigt haben, daß dem bewußten 
Willen entgegengesetzte unbewußte Triebfendenzen bei Ichschwächung 
ihre Durchsetzung erzwingen können. Bei den Erscheinungen des „hysterischen 
Gegenwillens" hat meist bei ambivalenter Einstellung gegen ein Objekt die 
unterdrückte feindselige Tendenz gegen die positive Einstellung sich durch- 
gesetzt und die ursprüngliche und bewußt intendierte Leistung in ihr Gegen- 
teil verkehrt. 

Gegenwunschfrailtn (counter-wish dream; reve confre le desir) 
Freud faßt jene Träume, in welchen ein Wunsch versagt wird, oder etwas 
offenbar Unerwünschtes geträumt wird, als Gegenwunschträume zusammen, 
weil sie der Wunschtheorie des Traumes zu widersprechen scheinen. Freilich 
tun sie dies nur dann, werm man den Traum nach seinem manifesten Bild 
beurteilt und nicht die latenten Quellen aufsucht, aus denen erst nach Um- 
arbeitung der manifeste Traum hervorgegangen ist (s. Traum). Ein Motiv 
für Gegenwunschträume ist der Widerstand gegen die psychoanalytische 
Theorie von der wunscherfüllenden Natur des Traumes; es werden, wenn 
Menschen mit dieser Theorie zusammentreffen, häufig Gegenwunschträume 
von ihnen produziert, um den Unglauben an diese Theorie und die Ablehnung 



Gehorsam, nachträglicher — Geister 145 

derselben auszudrücken. Besonders häufig geschieht dies während der psycho- 
analytischen Kur, wobei der Widerstand gegen die Behandlung und gegen 
die Autorität des Analytikers sich in Gegenwunschträumen Äußerung ver- 
schafft. Die Analyse entlarvt aber andererseits Gegenwunschträume nicht 
selten auch als Erfüllungen unbewußter masoch istisch er Wünsche; aus 
dem Leiden und aus der Versagung im Traum bezieht der Träumer maso- 
chistischen Lustgewinn. Auch haben die Straf träume (s. d.) Unlust- 
charakter und müssen daher den Gegenwunschträumen zugezählt werden. 
Die Technik der „Darstellung durch das Gegenteil" (s. Gegensatz), die bei 
der Traumdeutung häufig zur Anwendung kommt, ermöglicht es, daß Wunsch- 
inhalte in der manifesten Traumfassade durch ihr Gegenteil dargestellt 
werden. Das manifeste Traumbild macht dann den Eindruck eines „Gegen- 
wunschtraumes", die Analyse ergibt das Gegenteil davon als latenten Traum- 
inhalt. 

Gehorsam, nachträglicher (deferred obedienoe; obeissance apres-coup) 
Der nachträgliche Gehorsam besteht darin, daß ein Befehl oder ein Verbot, 
von wichtigen Persönlichkeiten der Kindheit erteilt, nicht sofort, sondern 
erst spät, oft nachdem der Befehl oder das Verbot längst in seinem Inhalt 
dem Lebensalter des Betreffenden nicht mehr entspricht, befolgt werden. 
Der nachträgliche Gehorsam, der im typischen Falle dem Gehorchenden un- 
bewußt ist, ist die Folge einer Steigerung des Schuldgefühls, etwa als Aus- 
druck einer erhöhten Ämbivalenzeinstellung gegen den Befehlsgeber, meist 
also gegen die Eltern. Nicht selten löst der Tod eines Elternteiles durch 
seine schuldgefühlssteigernde Wirkung den nachträglichen Gehorsam gegen 
ihn aus. Aus solchem nachträglichen Gehorsam, der uns deutlich die Ver- 
innerlichung der Verbote der Kindheit erweist, wie sie in Form der Er- 
richtung des Ü b e r - I ch s (s. d.) geschieht, können alle möglichen neuroti- 
schen Hemmungen, vor allem auf dem Gebiete der Sexualität, dem die 
meisten Verbote der Kindheit gelten, entstehen. Bisweilen hat der nachträg- 
liche Gehorsam auch trotzigen Charakter und führt dann die gegebenen An- 
ordnungen und Verbote ad absurdum. Der nachträgliche Gehorsam kann zur 
Produktion von Symptomen, aber auch zu nicht ohneweiters als neurotisch 
zu betrachtenden Leistungen Veranlassung geben. 

Geister (ghosts, spirits; esprits, phantomes) 

Der animistischen Auffassung (s. Animismus) entsprechend ist die Welt mit 
wohl- oder übelgesinnten Geistern erfüllt, die Tieren und Pflanzen und auch 
unbelebten Teilen der Natur innewohnen. Die Entstehung des Glaubens an 
diese Geister bezeichnet Freud als „die erste theoretische Leistung des 
Menschen". Totem und Tabu, Ges. Sehr. X. 114.) Bei der Entstehung: 
des Geisterglaubens spielen mehrere Motive eine Rolle: das wichtigste ist ein 
Stück seelischer Entlastung, die die Schöpfung des Geisterglaubens mit sich 
bringt. Die Geister und Dämonen entstehen nämlich in erster Linie durch 
Projektion der eigenen Gefühlsregungen in die Außenwelt. Der Geister- 



144 Geisteskrankheit— Geisteswissenschaften 



glaube nimmt seinen Ursprung beim Tode teurer Angehöriger. Im trauernden 
Primitiven tobt entsprechend der Ambivalenz (s. d.) der Einstellung dem 
Toten gegenüber ein heftiger Gefühlskonflikt, indem Schmerz um den Ver- 
lorenen und Befriedigung über dessen Tod miteinander ringen. Infolge Über- 
wiegens der positiven Einstellung werden die negativen Regungen in die 
Außenwelt projiziert; sie werden zum bösen Geist des Verstorbenen, gegen 
dessen Wiederkehr die verschiedensten magischen Veranstaltungen getroffen 
werden müssen, weil man seine Rache fürchtet. Ursprünglich gibt es dem- 
entsprechend nur böse Geister. Erst später treten nach dem vorgebildeten 
Projektionsmechanismus auch gute Geister und Dämonen auf. 

Im Geisterglauben spiegelt sich aber auch ein Teil der psychischen Struktur 
des Menschen projektiv wider. Der Dualismus, den der Geisterglaube aus- 
spracht, wenn er den realen Dingen einen Geist beigibt, der im Ding sein 
oder es verlassen kann, ist der Ausdruck der beiden Möglichkeiten des 
Bewußtwerdens eines Dinges, der einen Möglichkeit präsent zu sein und 
wahrgenommen zu werden, und der zweiten, vorgestellt zu werden, im 
Bewußtsein wiederzukehren, ohne daß das Ding dazu real wieder vorhanden zu 
sern braucht. Die Vorstellung vom Geist eines Dinges kommt so letzten Endes 
aus seiner Fähigkeit, im Bewußtsein wieder aufzuscheinen, ohne daß deshalb 
der Gegenstand selbst im Wahnnehmungsbereich aufzutauchen braucht. Auch 
die Existenz unbewußter Vorgänge neben den bewußten reflektiert sich im 
Geisterglauben. 

Der Geisterglaube hat aber auch eine starke Wurzel im Narzißmus 
der Primitiven. Die geisterhafte Weiterexistenz, die der Primitive den Toten 
zuschreibt, hat zur Folge, daß auch er selbst mit dem Tode nicht völlig 
zugrunde gehen wird, sondern als Geist wenigstens partiell der Vernichtung 
durch den Tod entgeht. Die unfaßbare Vorstellung von der Vernichtung der 
eigenen Existenz wird so durch den Geisterglauben vermieden. 

Geisteskrankheit (insanity; maladie mentale) 
s. Psychose. 

Geisteswissenschaften (the humanities; sciences de l'esprit) 
Als Geisteswissenschaffen bezeichnet man jene Wissenschaften, die das 
Wesen des menschlichen Geistes und seiner Produkte in ihren Zusammen- 
hängen und in ihrer Entwicklung zu erfassen und in Gesetzmäßigkeiten zu 
bringen versuchen. Die philosophischen, psychologischen, sprachwissenschaft- 
lichen, historischen, soziologischen und kunstwissenschaftlichen Disziplinen 
gehören in erster Linie zu den Geisteswissenschaften. Ihnen stehen die Natur- 
wissenschaften gegenüber. Die Untersuchungen auf geisteswissenschaftlichem 
Gebiet bedienen sich entsprechend der anderen Materie anderer Methoden 
als die Naturwissenschaften. Die Wertungen, Zwecke, Sinninhalte und die 
Bemühungen um das Verstehen spielen darin eine große Rolle. Die Psycho- 
analyse hat als genetisch-psychologische Methode reichlich Anwendung auf 
die Geisteswissenschaften gefunden und dabei zu fruchtbarsten Resultaten 



r 



Geiz — Geld J45 



gefuhrt. Die Psychoanalyse bedient sich in erster Linie naturwissenschaftlicher 
Methoden der Erklärung (Trieblehre); sie versucht aber auch die psychischen 
Phänomene zu verstehen und ihren Sinn zu erfassen und reicht damit 
auf das geisteswissenschaftliche Gebiet über. 

Geiz (miserliness, avarice; avarice) 

Die Freude am Besitz leitet sich in wichtigen Ämteilen von der Sexuallust 
am Behalten und Zurückhalten des Stuhles her. Dieser anale Anteil an 
der Lust am Besitz ist in der Charaktereigenschaff des Geizes besonders 
gesteigert. Das Ausgeben von Geld oder das Hergeben von anderen Gegen- 
ständen, die für den Geizigen im Unbewußten Kotbedeutung haben, werden 
vom Geizigen in ähnlich narzißtischer Weise verweigert, wie das Kind in 
der Phase der analen Refentionslust, in der der Kot ein mit narzißtischer 
Libido besetztes Objekt von hohem Wert darstellt, die verlangte Heraus- 
gabe des Stuhls zurückweist. Dementsprechend geht die Charaktereigenschaft 
des Geizes nicht seifen mit chronischer Obstipation einher (s. Analcharakter). 

Geld (money; argent) 

Die ungeheure Rolle, die das Geld vielfach im Seelenleben der Menschen 
spielt, kommt ihm nicht allein aus der unmittelbaren Realbedeutung des 
Geldes zu. Diese Realbedeutung des Geldes selbst veranlaßt allerdings eine 
Reihe von Intentionen und Triebsfrebungen, sich des Geldes in ihrem Sinne 
zu bedienen, so etwa Macht damit ausüben, andere von sich in Abhängigkeit 
zu halten, zu quälen u. a. m. Ein großer Teil des Interesses am Geld und 
der Beziehung zu ihm aber stammt aus irrationalen Quellen und hängt mit 
der symbolischen Bedeutung des Geldes zusammen. Geld als Besitz ist im 
hohen Maße „ichbesefzf", d. h. mit großen Quantitäten narzißtischer Libido 
ausgestattet. Die Angst um das Geld knüpft daher vielfach an die Angst um 
eigene Ichfeile an und ist deshalb häufig so unverhältnismäßig groß. 

Vor allem wird das Geld im Unbewußten dem Kot gleichgesetzt. 
Das Interesse, das dem Geld als Ersatz des Kotes zugewendet wird, stammt 
aber dabei aus einer Periode der kindlichen Entwicklung, in der das Kind 
eine außerordentlich positive und lustvolle Beziehung zum eigenen Kot hat, 
ja in der der Kot geradezu als ein Stück des eigenen Körpers befrachtet und 
dementsprechend hoch eingeschätzt wird (s. Änalerofik). Gegenüber dem Kof 
wird diese Einstellung im Laufe der weiteren Entwicklung aufgegeben, der 
Kot wird durch die Verdrängung der analerotischen Triebstrebungen zum 
wertlosen, ekelhaften und schmutzigen Stoff; ein Teil der ursprünglichen 
positiven Einstellung zum Kot aber wandert auf das Geld über, das die 
symbolische Vertretung des Kotes übernimmt. Diese Bedeutung des Geldes 
als Kofsymbol ist überall erweisbar, wo archaische Denkweise wirksam 
geblieben ist, so im Mythos, im Märchen, im Folklore, im Traum, im Aber- 
glauben. Von solchen Gleichsetzungen zwischen Geld und Kot in diesen 
Bildungen sei nur der Dukatenscheißer genannt und das Märchen vom 
„Tischlein deck dich" und der mittelalterliche Brauch, säumige Schuldner 



Dr. Sterba: Handwörterbuch. 



10 



146 Gemütsbewegung — Genesungsivunsch 




durch Verabreichung von drastischen Mitteln zu bestrafen, sodaß sie am 
Pranger statt des Schuldenzahlens defäzieren mußten, ferner die Bezeich- 
nung „Losung" für den Kot der Tiere wie für den Tageserlös des Kauf- 
mannes. Auch im Wort „Mammon", das im Babylonischen „Kot der Hölle" 
heißt, ist Geld und Kot identifiziert. In der Neurose ist diese Gleich- 
setzung von Kot und Geld gang und gäbe und die oft so merkwürdigen 
Beziehungen der Neurotiker zum Geld und ihre neurotischen Geldsymptome 
stehen damit im Zusammenhang. 

Das ursprüngliche, passiv-lustvolle Interesse am Kot geht nicht gleich 
auf das Geld über; S. Ferenczi hat aufgezeigt, wie es seinen Weg! 
dahin über die kindliche Lust am geruchlosen Straßenkot, weiter über 
die Lust am entwässerten Sand, an harten Kieseln und Steinen nimmt, bis 
es schließlich zu glänzenden, geruchlosen, entwässerten Geldstücken gelangt, 
wobei vor allem die Geruchssensation des Kotes und seine weiche Kon- 
sistenz verloren gehen. (S. Ferenczi, Zur Ontogenie des Geldinteresses, 
Bausteine I. 109.) Die Kotbedeutung der Geldstücke geht dann auf Banknoten 
und jeglichen pekuniären Besitz über. 

Entsprechend verschiedenen symbolischen Gleichsetzungen, innerhalb deren 
die gleichgesetzten Elemente verschiebbar sind, bekommt das Geld im 
weiteren die Bedeutung des Penis und der Potenz, da in der analerotischen 
Phase Penis und Kotstange identifiziert werden. Die Angst vor Geldverlust 
hat dann die Bedeutung der Kastrationsangst (s. d.). Über die Geschenk- 
bedeutung kann das Geld auch die symbolische Vertretung für das Kind 
übernehmen. Das Geld kann auch für Milch und Nahrung stehen. 

Für die Auflösung von Träumen und neurotischen Symptomen ist die 
Kenntnis der symbolischen Bedeutung des Geldes unerläßlich. 

Gemütsbewegung (emotion; emoi, emotion) 
s. Affekt. 

Genesutlgsf räume (dreams of recovery; reves de guerison) 
sind solche Träume, in welchen der Patient während der analytischen Kur 
sich als gebessert oder seiner neurotischen Symptome ledig träumt. Häufig 
zeigen solche Träume tatsächlich einen Fortschritt des Patienten in seiner 
Genesung an. Nicht selten aber sind sie Bequemlichkeitsträume (s. d.), in 
denen der Patient den Erfolg der Kur vorwegnimmt, weil er die weiteren 
Bemühungen und Schwierigkeiten in der Kur zu vermeiden wünscht. In 
diesem Fall sind die Genesungsträume ein Anzeichen des Widerstandes. 

GeneSUngSWUnschl (wish for recovery; souhait de guerison) 
Der Wunsch, gesund zu werden, der neurotische Personen veranlaßt, sich 
einer psychotherapeutischen Behandlung zu unterziehen, der sogenannte 
Genesungswunsch, entstammt, wie N u n b e r g gezeigt hat, nicht nur dem 
Bestreben, die volle psychische Gesundheit zu erlangen, sondern er wird 
in hohem Maße auch von unbewußten Motiven getragen. So erhofft sich der 



genetische Methode — Genitalität 147 

Patient unbewußt vom Arzt die Erfüllung frühkindlicher Wünsche, etwa die 
Wiederherstellung seiner infantilen Allmacht und seines infantilen narziß- 
tischen Ideal-Ichs und ähnliche Befriedigungen frühkindlicher Triebstre- 
bungen. Häufig entspringen irrationale Anteile des Genesungswunsches auch 
dem Streben nach Aufrechterhaltung und Sicherung einer bestimmten Trieb- 
abwehr, einer bestimmten Lösung eines inneren Konfliktes und ähnlichem mehr. 
Bisweilen durchkreuzen diese im Genesungswunsch enthaltenen irrationalen 
Wünsche geradezu die für eine wirkliche Heilung notwendige Anpassung an 
die Realität und machen so eine therapeutische Beeinflussung unmöglich. 
Im allgemeinen aber sind die unbewußten Anteile des Genesungswunsches 
für das therapeutische Verfahren förderlich, ja notwendig, da der Patient 
durch den Arzt die Erfüllung seiner infantilen Wünsche erhofft und der 
Genesungswunsch so zur Herstellung der Übertragung (s. d.) wichtigste 
Beiträge liefert. (H. Nunberg, Über den Genesungswunsch. Z. XL 179.) 

genetische Methode (getiefte method; methode genetique) 
Die Gegenstände wissenschaftlicher Betrachtung können bloß beschrieben 
werden (deskriptive Methode) oder sie werden einer bestimmten Stelle 
in einem Ordnungssystem zugeteilt (klassifizierende Methode) oder 
sie werden auf ihre Herkunft und Entstehung untersucht. Letzte wissen- 
schaftliche Bemühung nennen wir genetische Methode. Das Verfahren 
der Psychoanalyse ist vielfach ein genetisches; die psychischen Gebilde 
werden darin auf ihre Vorstufen zurückgeführt und von diesen aus zu 
erklären versucht. Die genetische Methode führt oft zu einer klassifikatori- 
schen Umstellung, indem die genetische Gemeinsamkeit von Vorgängen 
dieselben als in klassifikatorischer Hinsicht zusammengehörig erkennen läßt. 
So erfahren etwa Sparsamkeit und Ordnungssinn in der Psychoanalyse 
eine genetische Zuordnung zur Analität (s. d.) und werden dadurch als 
zusammengehörig betrachtet u. ähnl. m. 

Genitale 

ist die lateinische Bezeichnung für den Geschlechtsapparat. 

Genitalität (genitality; genitalite) 

Als Genitalität bezeichnet man jene Stufe im Entwicklungsprozeß der 
Sexualität, auf welcher das Genitale im Zentrum der Sexualerregungen steht 
und als Ausführungs- und zentrales Lustorgan der sexuellen Erregungen 
wirksam ist (s. a. Genitalprimat). Die Genitalität ist als normale Form 
der Sexualität des Erwachsenen das endgültige Ziel der Sexualentwicklung. 
In wesentlichen Anteilen wird dieses Ziel bereits im Verlaufe der Ent- 
wicklung der kindlichen Sexualität erreicht. Im vierten bis fünften Lebens- 
jahre kommt das Genitale normalerweise durchaus ins Zentrum der 
sexuellen Interessen, indem der stärkste Lustreiz von ihm ausgeht und zur 
genitalen Onanie verlockt. Es ist dies die Zeit des Ödipuskomplexes 
(s. d.), dessen sexuelle Strebungen an das Genitale als körperliches Erfolgs- 
organ gebunden sind. 

10* 



148 



Genitalität 




Allerdings unterscheidet sich dabei die Genitalität des Kindes wesentlich 
von der Genitalität der Erwachsenen. Es gibt in der infantilen genitalen 
Phase keine ausgesprochene Endlust (s. d.), vielmehr haben die sexuellen 
Lusterlebnisse bloßen Vorlustcharakter. Das zweite wichtige Unterscheidungs- 
merkmal gegenüber der Genitalität der Erwachsenen ist, daß für beide 
Geschlechter nur das phallische Organ, also wie der Penis für 
den Knaben, so die Klitoris für das Mädchen, als Lusforgan in Betracht 
kommt, während die Scheide noch unentdeckt bleibt und die Lustsensationen, 
die beim erwachsenen Weibe von dieser Region ausgehen, noch nicht oder 
kaum vorhanden sind. Die infantile Genitalität wird daher auch als p h a I- 
1 1 s ch e Phase, Stufe oder Organisation bezeichnet. Die hohe narzißtische 
Einschätzung des phallischen Organs auf der Stufe der infantilen Genitali- 
tät führt zu den verschiedensten Reaktionen auf die Entdeckung der Penis- 
losigkeit des weiblichen Geschlechtes, so beim Knaben zu heftiger Kastra- 
tionsangst (s. d.), wenn die Entdeckung mit entsprechenden Drohungen 
zusammenwirkt, im weiteren zur Verachtung des weiblichen Geschlechts 
und zur Neigung zur HomosexuaH tat; beim Mädchen zur Verleugnung der 
Penislosigkeit im Männlichkeitskomplex (s. d.) oder zu befugen Minder- 
wertigkeitsgefühlen oder zur Wendung in die passiv-weibliche Einstellung, 
womit die normale Entwicklung vorbereitet wird. Die infantile Genitalität 
wird beim Knaben ziemlich jäh und schroff durch die Kastrationsangst 
abgebrochen; mit ihrem Abbruch geht auch der Ödipuskomplex zugrunde 
und die Latenzperiode setzt ein. Beim Mädchen werden normalerweise 
die aktiven phallischen Strebungen unter dem Einfluß der Entdeckung der 
Penislosigkeit durch passive ersetzt, die allerdings auch noch weiterhin 
größtenteils an die Klitoris gebunden bleiben. Die infantile Genitalität und mit 
ihr der Ödipuskomplex werden beim Mädchen langsam aufgegeben, der 
Eintritt der Latenzperiode erfolgt allmählicher als beim Knaben. 

Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die genitalen Strebungen wieder 
ein. Zur Genitalität der Erwachsenen gehört im wesentlichen Unterschied zur 
infantilen Genitalität das Erlebnis der Endlust im Orgasmus (s. d.). Zur 
normalen Genitalität der Erwachsenen gehört aber auch die völlige Aner- 
kennung des Genitales des anderen Geschlechtes und das Begehren desselben 
als adäquates Objekt für die Erfüllung des eigenen genitalen Luststrebens. 

Die Genitalität hat Vorbilder und Vorstufen in früheren Entwicklungs- 
phasen der Sexualität, so etwa knüpft die Vorstellung, die das Kind sich 
von der sexuellen Funktion des Penis bildet, an die an, die es auf der oralen 
Phase von der Funktion der Brustwarze erwarb, wobei die Vagina als 
Änalogon zur Mundhöhle empfunden wird; aus der analen Phase wird die 
Vorstellung von der die Afterschleimhaut reizenden Kotstange auf den 
Penis in der Vagina übertragen. Wenn diese Vorbilder und Vorstufen all- 
zusehr auf die Genitalität übergreifen und sie mit ihren Triebqualitäten 
und -mechanismen durchsetzen, dann kann vor allem infolge der Abneigung des 
Ichs gegen diese einstmals bejahten, im Laufe der Entwicklung aber ver- 
pönten Befriedigungen die Genitalität gestört werden. 



Genitalorganisation — Geruchserotik 149 

Die spezifischen Störungen der Genitalität sind die Impotenz und die 
Frigidität. Die wichtigste Ursache für diese Hemmungsneurosen ist 
die Ä n g s t, u. zw. meist in Form der Kastrationsangst (s. d.). 

Genitfaloriganisation (genital Organization; Organisation genitale) 
s. Genitalprimat. 

GetlifalprÜnat (genital primacy, primacy of the genital zone; primaute 
genitale) 

Das Genitalprimat ist die höchste und vollendetste Organisation der Sexual- 
triebe unter eine erogene Zone, es ist das endgültige Ziel der Entwicklung 
der Sexualität. Das Genitale ist dabei als Zentrum der Sexualorganisation 
(s. a. Organisation der Libido) in dem Sinne wirksam, daß es nicht nur die 
weitaus größte Lust vermittelt, sondern auch dadurch, daß es die Fähigkeit 
erhält, die sexuelle Erregung der anderen erogenen Zonen zur Steigerung 
des eigenen Befriedigungsverlangens gewissermaßen abzufangen und mit- 
zubenutzen. Im genitalen Orgasmus erfährt auch die Sexualerregung der 
übrigen erogenen Zonen ihre Abfuhr. Der Genitalapparat wird damit im 
Genitalprimat zum vollkommenen Erfolgsorgan des Sexualtriebes. Auf keiner 
anderen Entwicklungsstufe der Sexualität, weder in der oralen, noch in der 
analen, noch in der urethralen Phase ist die Unterordnung der anderen 
erogenen Zonen unter die Primatzone eine so völlige wie im Genitalprimat. 
Das Genitalprimat wird vorstufenweise bereits im Entwicklungszuge der 
infantilen Sexualität erreicht, seine Aufrichtung fällt ins vierte Ms fünfte 
Lebensjahr. Die Erreichung des Genitalprimates im Kindesalter ist für die 
Entwicklung der genitalen Sexualität des Erwachsenen vorbildlich und von 
ausschlaggebender Bedeutung. Über die Unterschiede zwischen dem Genital- 
prünat beim Kind und beim Erwachsenen s. Genitalität. 

Geruchserofik (olfactory erotism; erotisme olfactif) 

Auf viele Menschen wirken bestimmte Gerüche sexuell erregend, vor allem 
Gerüche, die von bestimmten Körperstellen des Sexualpartners ausgehen. 
In erster Linie wirkt in solcher Weise der Geruch der Haare, des Ächsel- 
schweißes, der Genitalregion, auch des Menstrualsekretes, ja es kann sogar 
in pathologischem Falle die Sexualerregung und -befriedigung an bestimmte 
Geruchssensationen in perverser Form gebunden sein. Im allgemeinen aber 
ist die Rolle des Riechens in der Genitalsexualität weitgehend zurück- 
gedrängt gegenüber der Wichtigkeit, die die Riechlust in der prägenitalen 
Sexualität, vor allem in der analen Entwicklungsphase des Sexualtriebes 
spielt. In dieser Phase gehen die erregenden Geruchssensationen in erster Linie 
von den Ausscheidungen des Körpers, vor allem vom Stuhl und vom Flatus, 
aus. Diese koprophile Riechlust verfällt zum großen Teile der Verdrängung. 
Freud ist der Ansicht, daß diese Verdrängung bereits biologisch vorgebildet 
ist und letzten Endes aus jener Zeit der Artentwicklung stammt, in der die 
Aufnahme des aufrechten Ganges die Nase vom Erdboden entfernte. Manche 



j50 Geschenk — Geschlagenwerden 



Anteile der koprophilen Riechlust werden sublimiert; die Vorliebe für aromati- 
sche Düfte und Parfüms läßt sich auf koprophile Riechlust zurückführen. 
Auch in der neurotischen Symptomatik kann verdrängte Riechlust eine Rolle 

spielen. 

Abraham schildert als häufigen, wenn auch nicht regelmäßigen physio- 
gnomischen Zug des An al char akte r s (s. d.), daß Personen solchen Cha- 
rakters durch ein beständiges Angespanntsein der Nasenlippenf alten verbunden 
mit leichtem Heben der Oberlippe sich auszeichnen. Sie sehen dadurch aus, 
als ob sie fortwährend Gerüche durch die Nase einzögen. (Karl Abraham, 
Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung, 1925, S. 32.) Bei starker 
analer Veranlagung ist die Geruchserotik eben in besonderem Maße aus- 
gebildet. 

Bei der nasalen, resp. respiratorischen Introjektion (s. d.) spielt die Geruchs- 
erotik eine wesentliche Rolle. 

Geschenk (present, gift; cadeau, present) 

In den Objektbeziehungen der Menschen spielt das Geschenk eine wichtige 
Rolle. Es wird in vielfacher Beziehung als Ausdruck der Zuneigung gewertet 
und seine Weigerung im gegenteiligen Sinne gedeutet. Der psychoanalytischen 
Forschung hat sich ergeben, daß das ursprünglichste Geschenk, das das 
Kleinkind zu vergeben hat, der eigene Kot ist. Das Kleinkind verwendet sei- 
nen Stuhl häufig in dem Sinne, daß es ihn als Ausdruck der guten B&- 
Ziehung zur Pflegeperson hergibt, die Pflegeperson damit wie mit einem 
Geschenk belohnt, als Ausdruck ablehnender Haltung dagegen die Hergabe 
verweigert. Diese bedeutsame Gleichsetzung von Geschenk und Kot bleibt 
im Unbewußten besonders bei anal veranlagten Personen erhalten. Die Art, 
wie sie Geschenke geben, wie sie ihre Eigenwilligkeit daran ausdrücken, sie 
auf Verlangen verweigern, zu einem dem Beschenkten unerwarteten Zeit- 
punkt und auf ihre Weise damit belohnen oder überhaupt Geschenke nicht 
oder nur in kleinen Dosen geben u. ähnl., ist oft eine getreue Wiederholung 
ihrer kindlichen Unarten während der analen Phase der Sexualität. 

Im weiteren sind im Unbewußten Geschenk und Kind identifiziert („je- 
mandem ein Kind schenken"), wobei auch die Gleichsetzung Kot — Kind eine 
Rolle spielt. So werden die Bedeutungen von Geschenk — Kind — Kot längs einer 
symbolischen Gleichung verschiebbar und können einander gegenseitig ver- 
treten. 

Geschlagenwerden (being beaten; etre battu [fait d*]) 
Das Geschlagenwerden ist ein triebbedingter Wunsch des kindlichen Sexual- 
lebens. Er gehört der anal-sadistischen Entwicklungsphase der Libido zu und 
taucht meist in Phantasien auf, vielfach aber verstehen es die Kinder» 
im Spiel mit anderen oder durch ihr Benehmen Erwadisenen gegenüber 
dieses Triebziel auch in der Realität zu erreichen. In den perversen Phanta- 
sien und Veranstaltungen Erwachsener spielt das Geschlagenwerden eine her- 
vorragende Rolle. Das Geschlagenwerden bildet mit dem Schlagen das wich- 






Geschlechtskälte — Geschlechtsmerkmale 151 

figste Triebgegensafzpaar der anal-sadistischen Phase, es ist der masochi- 
stisch-passive Gegensatz zum Schlagen. Besonders wenn aggressive Schlage- 
wünsche von der Außenwelt oder durch Schuldgefühl gehemmt werden, 
wandeln sie sich durch Wendung gegen die eigene Person (s. d.) 
und durch Verkehrung ins Gegenteil (s. d.) zum Wunsche um, 
geschlagen zu werden. So wie das Schlagen auf der anal-sadistischen Stufe als 
Triebziel eine aktiv-libidinöse Handlung am geliebten Objekt bedeutet, also 
ein primitiver Ausdruck des Liebens ist, beinhaltet das vom geliebten Objekt 
Geschlagenwerden eine passive Hingabe an das Objekt und ist ein primitiver 
Ausdruck des Geliebtwerdens. Der bevorzugte Körperteil für das Geschlagen- 
werden ist das Gesäß, seltener das Genitale oder andere Körperstellen. 
Aber auch auf der genitalen Stufe taucht der Wunsch, geschlagen zu wer- 
den, nicht selten auf. Er ist dann der regressive Ausdruck für passive, 
objektlibidinöse Wünsche der genitalen Stufe, das Geschlagenwerden ist der 
weniger anstößige manifeste Ausdruck für den unbewußten Wunsch koitiert 
zu werden. Der genital-passive Wunsch, der meist den Vater oder eine Ersatz- 
person des Vaters zum Objekt hat, ist das wichtigste Motiv zur Bildung der 
so häufigen passiven Schlagephantasien der Kinder, insbesondere der Phan- 
tasie „ein Kind wird geschlagen" (s. Schlagephantasien). 

Geschlechtskälte (sexual frigidity; frigidite) 
s. Frigidität. 

Geschlechtskrankheiten, Angst VOf (fear of venereal diseases; peur de 
maladies veneriennes) 

Die moderne Hygiene und die Möglichkeit einer sicheren Prophylaxe haben 
die Gefahr der Erwerbung einer Geschlechtskrankheit gegen früher wesent- 
lich vermindert. Die Angst vor Geschlechtskrankheiten ist daher unter guten 
hygienischen Verhältnissen häufig unbegründet, sie ist die Rationalisierung 
unbewußter Ängsfvorstellungen, besonders dann, wenn aus Angst vor Ge- 
schlechtskrankheiten der normale Sexualverkehr durch andere, eventuell per- 
verse Praktiken ersetzt oder gar die Berührung mit einem Sexualpartner 
überhaupt gemieden wird. Die Grenzen gegen die Berührungsangst 
(s. a. Berührung) sind dabei fließend. Regelmäßig steckt hinter einer starken 
Angst vor Geschlechtskrankheiten die Angst vor den Gefahren des Sexual- 
verkehrs entsprechend infantilen Vorstellungen; so die Angst vor dem 
sadistisch-aggressiven Charakter des Aktes, wie ihn das Kind sich vorstellt, 
oder die Angst vor den Straffolgen, die nach kindlichen Vorstellungen auf 
sexuelle Handlungen zu erwarten sind. Die übertriebene Angst vor Ge- 
schlechtskrankheiten kann auch der Ausdruck der Abwehr des unbewußten 
Wunsches sein, geschwängert zu werden. Es wird dabei Infektion und Kon- 
zeption gleichgesetzt. 

Geschlechtsmerkmale (sexual characters; caracteres sexuels) 
Als Geschlechtsmerkmale bezeichnet man die Eigenschaften, die die Ge- 
schlechter voneinander unterscheiden. Man teilt die Geschlechtsmerkmale ein 



152 Geschlechtstrieb— Gesichtsfeldeinschränkung, periphere 

in primäre und zählt diesen die Keimdrüsen, also Hoden und Eierstock, 
und die Pubertätsdrüse zu ; dann in sekundäre, zu denen die Genitalien, 
also Penis, Prostata, Samenblasen beim Manne, Klitoris, Vagina, Uterus, 
Tuben usw. bei der Frau zu rechnen sind. Als tertiäre Geschlechtsmerkmale 
gelten die weibliche Brust, der Bartwuchs beim Manne, der typische Ver- 
lauf der Scham- und Kopfhaargrenzen bei beiden Geschlechtern, bestimmte 
Merkmale des Skeletts u. a. 

Über die psychischen Geschlechtsmerkmale ist eine völlige Klarheit und 
Einigung in der Wissenschaft noch nicht erzielt; durch die großen Einflüsse 
der Gesellschaftsstruktur und der Normen eines Kulturkreises auf die psy- 
chische Entwicklung ist die Äusschälung unabhängiger reiner männlicher 
oder weiblicher Eigenschaften außerordentlich erschwert. Beim Weibe scheint 
ganz allgemein die Bevorzugung passiver Ziele vorzuherrschen. Schon das 
kleine Mädchen zeigt sich meist weniger aggressiv und trotzig, hat mehr 
Bedürfnis nach Zärtlichkeit als der Knabe; vor allem aber wird der Kastra- 
tionskomplex (s. d.) vom Mädchen vermöge der anatomischen Differenz in 
anderer Weise erlebt und verarbeitet, führt zu anderen psychischen Bildungen 
und Einstellungen, so zu Differenzen im Sexualverhalten, in der Scham- 
reaktion, in der Über-Ichbildung und damit in den moralischen Wertungen 
und in der Strenge der Lebensführung, welche Differenzen dauernd in 
bestimmten Charaktereigenschaften und Reaktionsweisen fixiert werden 
(Männlichkeitskomplex, Penisneid). So kann am ehesten noch von der Analyse 
her die psychologische Differenzierung in männlich und weiblich vorgenommen 
werden. An und für sich aber sind die Begriffe männlich und weiblich nicht 
auf psychologischem Gebiete autochthon, sondern vom Somatischen dahin 
übertragen und Versuche der Unterscheidung von männlichen und weiblichen 
seelischen Eigenschaften daher eigentlich nicht fruchtbar. 

Geschlechtstrieb (sexual instincf; instinct sexuel) 
s. Sexualtrieb. 

Geschlechtsverkehr (sexual intercourse; coit, acte sexuel) 
s. Koitus. 

Gesellschaftslehre (sociology; sociologie) 
s. Soziologie. 

Gesichtsfeldeinschränkung, periphere (contraction of the Visual 

field; retrecissement peripherique du champ visuel) 

Als ein Stigma (Erkennungszeichen) der Hysterie gilt die periphere Gesichts- 
feldeinschrähkung, welche darin besteht, daß Gegenstände, die in die 
Peripherie des Gesichtsfeldes gebracht werden, nicht wahrgenommen werden, 
sondern erst bei Annäherung an das Zentrum des Gesichtsfeldes gesehen 
werden. Ferenczi führt diese Erscheinung darauf zurück, daß das zentrale 
Sehen ichnäher, während der periphere Anteil des Sehfeldes dagegen ent-. 



Gestalt — Geständnis 



153 



rückter und dem Bewußtsein mehr entzogen ist. Unbewußten Triebreprä- 
sentanzen gelinge der Einbruch in diese Peripherie leicht und das in der 
Peripherie Wahrgenommene werde damit zum Rohmaterial libidinöser Phan- 
tasien, die aber der Verdrängung verfallen, wobei mit ihnen auch das» 
periphere Sehfeld der Wahrnehmung durch das Bewußtsein entzogen wird. 
(Ferenczi, Hysterie und Pathoneurosen, Kap. III.). 

Gestalt („Gestalt"; forme, scheme d'ensemble) 

Gestalten sind Gebilde der Wahrnehmung, an denen mannigfaltige „Teile" 
unterscheidbar sind, die aber doch nicht restlos aus diesen Teilen zusammen- 
setzbar sind. So besteht die Melodie zwar aus unterscheidbaren Einzel- 
tönen, sie ist aber doch mehr und anderes als jeder einzelne von ihnen, und 
mehr und anderes als sie alle zusammen; man kann dies Ganze „Melodie" 
nicht aus seinen Teilen „zusammensetzen". — Der Begriff Gestalt wird 
insbesondere in der Schule von Wertheime r, der sogenannten „Gestalt- 
psychologie" (Köhler, Koffka, Lewin, Goldstein) über die Gebilde der Wahr- 
nehmung hinaus verallgemeinert und zur Grundlage des psychologischen 
Denkens gemacht, im Gegensatz zu den Empfindungen der Assoziations- 
psychologie; an Stelle der Ässoziationsgesetze werden Gestalt- und Ganz- 
gesetze gesucht. (Siegfried Bern fei d.). 

Geständnis (confession, admission; aveu) 

Das innere Bedürfnis zum Geständnis ist bei vielen Menschen außerordent- 
lich stark. Das bewußte Geständnis wirkt zunächst entweder dadurch 
psychisch entlastend, daß es Verzeihung auslöst, wobei das Verzeihen als 
Beweis erlebt wird, daß man trotz der Schuld geliebt werde; oder dadurch, 
daß auf das Geständnis die Strafe erfolgt, welche das Schuldgefühl ver- 
mindert, und dadurch zu innerlicher Entspannung führt. 

Der Psychoanalyse ist frühzeitig aufgefallen, daß zahlreiche Fehlleistungen 
und Symptomhandlungen und viele neurotische Symptome den Charakter 
unbewußter Geständnisse an sich tragen. Sie führen zum Selbst- 
verrat mancher bewußter, aber noch häufiger unbewußter, verbotener und 
verpönter Regungen. Die innere Tendenz zu solchem Selbstverrat ist häufig 
so drängend, daß Theodor R e i k ihr den Namen Geständnis zwang 
gegeben hat. Dieser Selbstverrat muß dabei keineswegs immer als solcher 
vom Ich gewollt sein, er ist häufig eine Folge davon, daß der verbotene 
Trieb gegen den äußeren oder inneren Einspruch seine Befriedigung sucht. 

Der Geständniszwang hat nach R e i k mehrere Motive. Er erklärt sich 
zunächst aus dem Drang der Triebregungen, die durch die Darstellung, die 
im Geständnis erfolgt, ein Stück Abfuhr erfahren, da das Geständnis im 
Unbewußten eine Wiederholung der Tat bedeutet. Das Geständnis ist 
aber auch eine Äußerung des unbewußten Strafbedürfnisses, das 
die masochistische Lust des Bestraftwerdens erlangen will. Es dient ferner 
auch der Liebeswerbung, einerseits, indem das Bestraftwerden eine 
erniedrigte Form des Geliebtwerdens darstellt, anderseits dadurch, daß das 



154 Geständniszwang — Gewissen 



Geliebtwerden frofz der Schuld angestrebt oder bestätigt gewünscht wird. 
Der zwangsmäßige Charakter unbewußter Geständnisse ist nach Reik 
eine Folge der von der Außenwelt gesetzten Hemmung der freien Trieb- 
äußerung, die eine reaktive Verstärkung der Triebintensität durch die Ver- 
drängung zur Folge hat. (Theodor Reik, Geständniszwang und Straf- 
bedürfnis, 1925). Dorothy Tiffany B urlin g harn hat neben diesen von Reik 
aufgezählten Motiven des Geständniszwanges noch ein sehr wichtiges auf- 
gedeckt. Dem Mitteiliunigsdrang, der uns als Geständniszwang imponiert, 
liegt eine Tendenz zugrunde, das verbotene Erlebte oder Gewünschte in ein 
Erlebnis zu zweit zu verwandeln. Unbewußten Geständnissen liegt 
vielfach die Tendenz zugrunde, zu Mitfreude und Mittäterschaft an den 
verbotenen Regungen zu verführen. Neben seinen entlastenden Funktionen 
durch Abfuhr infolge fiktiver Wiederholung der Tat durch das Gestehen 
und durch Befriedigung des Strafbedürfnisses zielt also das Geständnis 
vielfach auch auf einen positiven Lustgewinn ab, indem es zu gemeinsamem 
Genießen verführen will. Der Ursprung solcher gemeinsamer Lust sind die 
sexuellen Reizungen, die die Kinderpflege notwendigerweise am Kind setzt. 
Die ersten Geständnisse sind dementsprechend auch regelmässig an die 
Mutter gerichtet, mit der und durch die solche Lust zu zweit genossen 
wurde. Letzten Endes liegen dem Luststreben des Gesfändniszwanges exhi- 
bitionistische Tendenzen zugrunde. (Dorothy Tiffany Burlingham, Mit- 
teilungsdrang und Geständniszwang, I. XX, 129). 

Geständniszwang (conscience; conscience [morale]) 
s. Geständnis. 

Gewissen (conscience; conscience [morale]) 

Das Gewissen ist die innere Wahrnehmung der kritischen Beurteilung, die 
unsere Handlungen, Intentionen, Regungen und Wünsche ihrem moralischen 
Werte nach von einer in uns selbst gelegenen „Gewissensinstanz" aus er- 
fahren. Diese innerseelische Instanz, die unser aktuelles Ich in seinem Ver- 
halten unausgesetzt beobachtet und mit einem Idealvorbild, das wir von uns 
in uns tragen, vergleicht, ist das Über- Ich (s. d.). Das Gewissen ist also 
eine Funktion des Über-Ichs, ebenso wie die Selbstbeobachtung, die der 
kritisierenden Funktion des Gewissens vorausgeht. Das Über-Ich ist auch der 
Träger des Ichideals, an dem die vergleichende Messung des aktuellen 
Ichs erfolgt. Das Gewissen warnt uns, wenn wir die Absicht zu einem Ver- 
halten haben, das hinter den Ansprüchen des inneren Ich-Ideals zurückbleibt. 
Ist das Ich tatsächlich dem Ideal nicht nachgekommen, hat es Gebote und 
Verbote des Über-Ichs nicht eingehalten, dann reagiert das Ich darauf mit 
Schuldgefühlen. Schuldgefühle werden vielfach, besonders populär- 
psychologisch, als „schlechtes Gewissen" bezeichnet. Die Psychoanalyse reser- 
viert den Ausdruck „Gewissen" für die kritische, gut- und schlechtheißende 
Beurteilung des Verhaltens und der Intentionen durch das Über-Ich; sie 
trennt die unlustvolle Reaktion nach erfolgter böser Tat als Schuldgefühl von 



Gewissen 155 

der beobachtenden und strafandrohenden Funktion des Übeivlchs, die wir 
eben Gewissen nennen. 

Über die Genese des Gewissens haben die Untersuchungen der Psycho- 
analyse entscheidende Aufschlüsse gebracht. Das Gewissen ist nicht von 
vorneherein im Kind vorhanden, sondern gelangt in der frühen Kindheit 
durch den Prozeß der Über-Ich-Bildung in der Weise zur Entwicklung, daß 
die beobachtenden, beurteilenden, verurteilenden und gebietenden Aussagen, 
die von den Erzieherpersonen, vor allem also von den Eltern an das Kind 
erfolgen, von diesem durch die Identifizierung, die bei der Über-Ich- 
Bildung vorgenommen wird, ins Ich aufgenommen werden. 

In der Tätigkeit des Gewissens setzt sich also ein Stück der Beziehung der 
Außenwelt zum Kinde innerseelisch fort. Daraus, daß die genannten 
Äußerungen der erziehenden Personen fast durchwegs in Form von Worten 
getan werden, erklärt sich die Empfindung, daß das Gewissen zu uns spreche, 
daß die „Stimme" des Gewissens in uns laut ist. Bei manchen Geisteskrankheiten 
(Paranoia, Schizophrenie) werden die durch die geschilderte Introjektion zur 
Gewissensstimme gewordenen Lautäußerungen der erziehenden Umgebung wie- 
der in die Außenwelt rückprojiziert und von dort her als beobachtende, kri- 
tisierende und beschimpfende „Stimmen" halluzinatorisch wahrgenommen. 
Die ursprüngliche Herkunft des Gewissens aus der Außenwelt wird an den 
regressiven Vorgängen dieser Psychosen deutlich. 

Neben diesem ontogeneäschen Entwicklungsweg des Gewissens läßt sich 
seine Entstehung auch phylogenetisch aus den sozialen und ethischen Ver- 
hältnissen beim primitiven Menschen in Urzeiten der kulturellen Mensch- 
heitsentwicklung ableiten. Die erste Form des Gewissens beim Primitiven 
ist das Tabugewissen, das gegen die Übertretung der Tabuvorschriften 
Einspruch erhebt. Das Tabugewissen ist die Reaktion auf die im Primitiven 
außerordentlich starke Versuchung zur Übertretung der Tabuvorschriften. Es 
ist der Ausdruck der hohen Ambivalenz aller Regungen im primitiven 
Seelenleben. Das Tabugewissen entwickelt sich nach Freuds Theorie von 
der Urhorde (s. d.) im Anschluß an den Vatermord, indem der getötete 
Vater auf oralem Wege, ursprünglich wahrscheinlich durch wirkliches Auf- 
fressen, einverleibt wird. Das Tabugewissen wird als Schranke gegen die 
Wiederholung des Urverbrechens aufgerichtet. 

Die Einhaltung der Gewissensgebote wird durch ein besonders bei strengem 
Gewissen hohes Maß von Angst, sogenannter „Gewissensangst", die auf 
Übertretung der Gewissensvorschriften hin entwickelt wird, gewährleistet. Die 
Gewissensangst ist der innerseelische Niederschlag alter Kinderängste, die 
durch reale oder durch als real betrachtete Gefahren ausgelöst wurden; diese 
Gefahren wurden dem Kinde angedroht, wenn es die elterlichen Gebote 
übertrat oder übertreten wollte. Das Schuldgefühl, das auf die Übertretung 
der inneren moralischen Vorschriften auftritt, ist die Fortsetzung der Angst 
vor dem Liebesverlust und vor der Kastration, den Urgefahren der Mensch- 
heit; Schuldgefühl und Gewissensangst sind identisch. 

Die Strenge des Gewissens hängt nicht nur ab von der Strenge, mit der 



156 Gewissenhaftigkeit— Gleichgewicht, seelisches 



die introjizierten Elfern auf der Erfüllung ihrer Forderungen bestanden 
haben, sondern auch wesentlich von dem Ausmaß an Desfruktionstrieb, der 
von der Abfuhr nach außen abgehalten, im Über-Ich untergebracht ist. 
Mit der Abfuhrmöglichkeit von Aggression nach außen ermäßigt sich daher 
die Strenge des Gewissens. 

Das Ich sucht im allgemeinen den Über-Ichansprüchen gerecht zu werden 
und die verpönten Triebregungen abzuwehren. Bisweilen bedient sich aber das 
Ich auch gleicher oder ähnlicher Äbwehrmethoden, um Überrlchansprüche 
so abzuwehren wie anstößige Es-Regungen. 

Gewissenhaftigkeit (conscientiousness, scrupulousness; scrupulosife) 
Die Gewissenhaftigkeit äußert sich in der strengen Einhaltung der eigenen 
Normen und der von außen geforderten Verpflichtungen und Vorschriften. 
Wie ihr Name schon besagt, ist die Gewissenhaftigkeit der Ausdruck eines 
strengen Gewissens (s. d.), somit eines stark ausgeprägten, dynamisch wirk- 
samen Über-Ichs. Dem entspricht es, daß sie beim Zwangsneurotiker, 
der an einem übermäßig starken Über-Ich leidet, besonders ausgeprägt ist 
und bei ihm leicht pathologische Formen annimmt. Allgemein ist die Ge- 
wissenhaftigkeit eine Reaktionsbildung (s. d.) gegen anale und 
sadistische Triebünpulse, sowie gegen Abweichungen von der Ordnung 
und Reinlichkeif, gegen Verfehlungen und Unregelmäßigkeiten. Im Un- 
bewußten des Zwangsneurotikers sind diese Impulse und Tendenzen, auch 
als Auflehnung gegen autoritative Personen der Kindheit, besonders stark. 
Dem entsprechend ist die Gewissenhaftigkeit, die das Ich als Reaktions- 
bildung dagegen entwickelt, beim Zwangsneurotiker übertrieben, skrupulös 
und pedantisch. 

Gewissensangst (moral anxiety; angoisse de conscienoe) 
s. Gewissen. 

Gewissensbisse (pricks of conscience, remorse; remords) 
s. Schuldgefühl. 

Glaube (faith, belief; croyance, foi) 
s. Religion. 

Gleichgewicht, Seelisches (psychical equffibrium; equilibre psychique) 
Die Psychoanalyse befrachtet die seelischen Vorgänge auch nach ihrer Wich- 
tigkeit für den seelischen Gesamfhaushalf (ökonomischer Gesichtspunkt). Die 
durch die Außenweltreize und durch die Triebe eingebrachte seelische Energie 
muß auf den großen Abfuhrwegen des seelischen Apparates, also durch 
Motilität und Affektivitäf, wieder entlassen werden. Als seelisches Gleich- 
gewicht bezeichnet man den Zustand, bei dem eingebrachte Energie und 
Abfuhr sich die Wage halten und keine beträchtliche Energiestauung den 
seelischen Apparat belastet. Ist die normale Abfuhr aus äußeren oder 



gleichschwebende Aufmerksamkeit — globus hysteticus 157 

inneren Gründen verhindert und die Grenze der Tragfähigkeit für seelische 
Energiespannungen überschritten, dann kommt es zu pathologischem Aus- 
gleich durch neurotische Symptombildung. Man spricht dann von neuro- 
t i s ch e m G 1 e i ch g e w i ch t. Die Bezeichnung neurotisches Gleichgewicht 
wird auch dann in Anwendung gebracht, wenn starke Triebspannungen des 
Es nicht gerade in neurotischen Symptomen ihre Abfuhr erfahren, sondern 
durch hohe Gegenbesetzungen vom Ich abgehalten werden. Zur Aufwendung 
dieser gegen den Einbruch der Es-Regungen aufgerichteten Gegenbesetzungen 
verbraucht das Ich fast seine gesamte verfügbare Energie und verarmt da- 
durch für seine sonstigen Funktionen. Das neurotische Gleichgewicht wird in 
diesem Falle durch eine allgemeine Funktionseinschränkung des Ichs er- 
reicht. 

Das seelische Prinzip, welches dem Bestreben nach Spannungsausgleich 
zugrundeliegt, ist das Konstanzprinzip oder Stabilitätsprinzip 
<s. d.). 

gleich-Schwebende Aufmerksamkeit (evenly hovering attention; atten- 
tion flottante) 

s. Aufmerksamkeit. 

Gleichling, Symbolische (symbolic equation; assimilation symbolique) 
Im Unbewußten werden vermöge der Verschieblichkeit der seelischen Energien 
unter der Herrschaft des Primärvorganges (s. d.) einzelne Elemente anderen 
völlig gleichgesetzt, sodaß sie für einander eintreten und einander ersetzen 
können. Da solche Vertretbarkeit sich vor allem zwischen Symbol und 
Symbolisiertem findet, spricht man von „symbolischer Gleichung", nach der 
bestimmte Elemente für einander eintreten können. Aber auch funktions- 
gleiche und lustwertgleiche Elemente können durch symbolische Gleichung 
einander vertreten. Ein Beispiel ist die Reihe Penis — Kot — Kind — Geld — Ge- 
schenk, in der Besetzungen von einem Element aufs andere infolge der Ver- 
bindung dieser Elemente durch „symbolische Gleichung" verschoben werden 
können. 

globus hysfeficus (globus hystericus; boule hysterique) 
Bei hysterischen Patienten, vor allem weiblichen Geschlechts, tritt als häu- 
figes Symptom eine abnorme und unangenehme Sensation in der Schlund- 
region auf, so als ob eine Kugel im Hals steckte, die auf- und absteigt. Die 
Sensation ist durch Krampfzustände der Schlundmuskulatur bedingt und 
wird als globus hystericus bezeichnet. Der globus hystericus ist ein 
typisches Konversionssymptom der Hysterie. Dem globus hystericus 
liegen oral-libidinöse und oral-sadistische Triebwünsche zugrunde. Der we- 
sentliche unbewußte Inhalt dieses Symptoms sind Fellatio-Phantasien, wie 
sie bei oraler Hysterie regelmäßig vorkommen (s. Fellatio). Der globus 
hystericus stellt eine „Materialisation" (s. d.) dieser Fellatio-Phanta- 
sien dar. Die Unannehmlichkeit und das Leiden des globus hystericus kom- 






158 Gold— Gott 



men aus der Abwehr der unbewußten Phantasien. (S. Ferenczi, Hysterie 
und Pathoneurosen, Kap. IL) 

Gold (gold; or) 

Im Unbewußten wird das Gold dem Kot gleichgesetzt. Dies bedeutet aber 
keineswegs eine Herabsetzung der hohen Wertschätzung, die dem Gold im allge- 
meinen von selten der Menschen zuteil wird, sondern ist erklärlich aus der 
hohen Wertigkeit, die das Kind dem eigenen Stuhl in einer bestimmten 
Entwickhingsphase zuteilt (s. Analerotik). Ja die Wertschätzung des Goldes 
kommt ihm zum Teil aus der Gleichsetzung mit dem Stuhl zu, indem diese 
Gleichsetzung es ermöglicht, die lustbetonte Hochschätzung des Kotes auf 
das Gold zu verschieben, nachdem die Verdrängung den Kot zum erniedrigten 
und mißachteten Abfall gemacht hat, als der er jenseits der analen Libido- 
entwicklungsstufe vom Kind und vom Erwachsenen betrachtet wird. Für die 
Gleichsetzung von Gold und Kot gibt es reichlich folkloristisches Belegmate- 
rial, von dem nur die Bezeichnung „goldene Ader" für die Haemorrhoiden* 
der „Dukatenscheißer", d. i. ein kleines Männchen, oft aus Schokolade her- 
gestellt, aus dessen After ein Goldstück austritt, das Märchen vom „Tischlern, 
deck dich", in dem der Esel Gold zu defäzieren imstande ist, genannt sefru 
Dabei sind Gold und Geld psychisch gleichgesetzt (s. daher auch Geld). 

Goft (god; Dieu) 

Die Psychoanalyse hat erkannt, daß die Goftesidee in wesentlichen 
Anteilen mit infantilen Erlebnissen und Einstellungen zusammenhängt. 
In der Beziehung zu Gott wiederholt der Gläubige den Zustand der kindli- 
chen Abhängigkeit von den Eltern, die dem Kind als allmächtige, Schutz ge- 
währende Wesen erschienen sind. Die reale Erfahrung, daß dieser Schutz an 
bestimmte Bedingungen geknüpft ist und nur bei Einhaltung gewisser Vor- 
schriften gewährt wird, liegt der Erteilung ethischer und moralischer Normen 
durch die Gottheit psychologisch zugrunde. In den monotheistischen Religio- 
nen ist in erster Linie der Vater, wie er dem kleinen Kinde erscheint, all- 
mächtig, allwissend und großartig, im Gottesbegriff festgehalten und wirk- 
sam; Gott ist in diesem psychologischen Sinne der an den Himmel projizierte 
Vater der frühen Kindheit und er wird dementsprechend vom Gläubigen 
als „Vater" angerufen. Die Gott zugeschriebenen Funktionen der Kosmogonie, 
des Schützers in den Gefahren des Lebens, des Schöpfers und Hüters der 
moralischen Lehrsätze ergeben sich zum Teil daraus, daß der reale Vater 
diese Funktionen dem Kind gegenüber ausübt. Die fortdauernde Schutzbe- 
dürftigkeit des Menschen gegenüber den mächtigen Kräften der Natur und 
die Intensität und Fortdauer der unbewußten Beziehung zum Vater tragen 
wichtige Kräfte zum Gottesglauben bei. 

Über die Entstehung des Gottesbegriffes der Primitiven hat Freud die 
Theorie gebildet, daß sie sich aus dem Totem der Primitiven entwickle, deij 
gleichfalls einen Ersatz für den Vater darstellt und dementsprechend als 
Ähnherr verehrt und auch nach seinem Tode gefürchtet wird (s. Totemismus). 



Grausamkeit — Gravidität 



159 



In der auf den Totemismus folgenden Form der Gottesvorstellung gewinnt 
der Vater seine menschliche Gestalt wieder. Die Erhöhung zur Gottheit be- 
deutet gleichzeitig eine Sühnung der Urtat am Vater (s. Urhorde). An der 
Vergottung des Urvaters ist das Schuldgefühl ihm gegenüber wesentlich 
beteiligt. 

Grausamkeit (cruelty; cruaute) 
s. Sadismus. 

Gravidität (pregnancy; gravidite, grossesse) 

Die Gravidität oder Schwangerschaft spielt in der Sexualforschung der Kinder 
und in ihren Sexualtheorien eine große Rolle. Das Problem, woher die 
Kinder kommen, das jedes Kind ausnahmslos beschäftigt, veranlaßt die 
Kinder, die Bedeutung der Gravidität früh zu erkennen, für ihre Sexual- 
theorien zu verwerten, ihre Wünsche nach der selbständigen Schöpfung eines 
Kindes zu beeinflussen und zu gestalten. In einer Unzahl von Symptomen 
der erwachsenen Neurotiker spielen die unbewußten Vorstellungen von der 
Gravidität der Mutter oder anderer Frauen, und der unbewußte Wunsch nach 
dem gleichen Erlebnis oder der unbewußte Haß gegen den graviden Leib 
eine determinierende Rolle. 

Auf die schwangere Frau selbst übt die Gravidität einen großen seelischen 
Einfluß aus. Die Einstellung der Schwangeren zur Frucht ist kompliziert, da 
verschiedene libidinöse Erlebnisse der Kindheit in ihr wiederholt werden. 
Zunächst wird entsprechend den oralen infantilen Konzeptionstheorien das 
im eigenen Leib befindliche Kind unbewußt so erlebt, als ob es durch die 
Mundzone aufgenommen worden wäre. Die Einstellung zur Frucht ist dieser 
oralen Aufnahme entsprechend eine ambivalente. Das Erbrechen der Schwan- 
geren, soweit es auch psychologische Ursachen hat, richtet sich gegen diese 
orale Aufnahme. Gleichzeitig erhält die Frucht aber entsprechend den in- 
fantilen Vorstellungen vom analen Kind die Wertschätzung und narzißtische 
Besetzung des Kotes in der analen Phase. In der zweiten Hälfte der Gravi- 
dität überwiegt die Penisbedeutung des Kindes, die libidinöse Beziehung zu 
ihm schreitet auf die phallische Phase vor, so daß in der Beziehung dec 
Schwangeren zur Leibesfrucht die Stufen der libidinösen Entwicklung wieder 
durchlaufen werden. Die zunehmenden Eigenbewegungen des Kindes lassen 
gleichzeitig eine erhöhte Objektbedeutung desselben zu, so daß die 
Beziehung der Mutter zum Kinde, wie sie nach der Geburt sich einstellt, 
bereits vorbereitet wird. (Helene Deutsch, Psychoanalyse der weiblichen 
Sexualfunktionen, 1925.) 

Bei der hysterischen oder eingebildeten Gravidität bleibt die 
Menstruation aus, es tritt eventuell Erbrechen wie bei Schwangeren auf, der 
Leib schwillt infolge meteoristischer Blähung des Bauches und durch Fett-< 
ansatz auf, es werden Kindesbewegungen zu spüren geglaubt, kurz die sub- 
jektiven und zum Teil auch objektiven Zeichen der Schwangerschaft zeigen 
sich. Eine sorgfältige gynäkologische Untersuchung ergibt, daß die Gebär- 



mutter keine Frucht enthält, in ihrer Größe kaum zugenommen hat, daß keine 
kindlichen Herztöne und objektiv keine Kindesbewegungen wahrnehmbar 
sind. Die Aufklärung über das Nichtvorhandensein einer Schwangerschaft 
bringt die Phänomene der eingebildeten Schwangerschaft meist rasch zum 
Schwinden. Ein starker Wunsch nach dem Kind, der auch unbewußt 
sein kann, ist die wichtigste Grundlage für das Zustandekommen der 
eingebildeten Schwangerschaft, die der Konversionshysterie (s. d.) zu- 
zurechnen ist. 

Größenwahn (megaiomania, delusions of grandeur; delire des grandeurs, 
megalomania) 

Der Größenwahn ist entsprechend dem Verlust der Realifätsprüfung, der ihm 
zugrunde liegt, ein psychotisches Symptom. Wahnhafte Größenideen finden 
sich vor allem bei Paranoia und Schizophrenie, auch bei organischen Psycho- 
sen, so etwa bei progressiver Paralyse. Die Größenideen sind der Ausdruck 
einer pathologischen Überschätzung des Ichs. Je nach dem Grade dieser 
Oberschätzung sind sie verschieden intensiv, von der einfachen Überzeugung, 
an Leistung, Schönheit, Fähigkeiten, anderen weit über das Tatsächliche hin- 
aus überlegen zu sein, bis zu phantastischen Vorstellungen, Gott zu sein, 
Milliarden zu besitzen, der Welterlöser zu sein u. dgl. m. 

Die Selbstüberschätzung, aus der der Größenwahn folgt, hat eine Parallele 
in der Sexualüberschätzung, die im Zustande der Verliebtheit das geliebte 
Objekt über alle anderen erhebt und als das einzig Wertvolle erscheinen 
läßt, indem sie unser Urteil durch die positiven Affekte, die wir dem ge- 
liebten Objekt zuwenden, zu seinen Gunsten trübt und uns für seine Mängel 
und Fehler blind macht. Aus der libidinösen Grundlage der Überschätzung 
des Objekts in der Verliebtheit ist zu schließen, daß auch die Selbst- 
überschätzung, die dem Größenwahn zugrundeliegt, libidinöse Ursachen 
haben muß. Psychoanalytische Untersuchungen ergaben, daß die wesentlichen 
Veränderungen im Libidohaushalt bei jenen Psychosen, bei denen typischer- 
weise Größenwahn auftritt, darin bestehen, daß die Libido von den Objekten 
abgezogen und dem Ich zugewendet wird. Diese abnorme Steigerung der 
narzißtischen Besetzung des Ichs ist die libidinöse Grundlage für die patho- 
logische Selbstüberschätzung, der der Größenwahn entspricht; sie bildet das 
narzißtische Gegenstück zur Verliebtheit. Da die pathologische narzißtische 
Ichbesetzung der Psychosen eine Regression auf den Zustand des kind- 
lichen Narzißmus darstellt, muß man erwarten, daß hohe Selbsteinschätzung 
und Größenwahn auch beim Kind gefunden werden. Dies ist in der Tat 
der Fall. 

Das magische Denken des Kindes (s. Magie), sein Glauben an die 
Allmacht der Gedanken (s. d.) und an die Zauberkraft der 
Worte sind der Ausdruck der Selbstüberschätzung vermöge der hohen 
libidinösen Besetzung des kindlichen Ichs. Beim Primitiven, der psychologisch 
der kindlichen Stufe der Menschheitsentwicklung entspricht, finden wir die- 
selbe hohe, libidinöse Besetzung des Ichs und dementsprechend Größenideen 



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